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Was passiert beim Abspalten?

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ZEiTENMOSAiK schrieb einen Beitrag mit dem Titel Ergotherapie: „Sterben“ und Die Sturmreiter stellten zu diesem Artikel einige interessante Fragen, die unsereins & me gerne hier aufgreifen möchte.

Ich hoffe, das ist jetzt keine zu doofe Frage, aber was genau meint ihr mit sterben? Dass sich ein neuer Anteil abgespalten hat? Oder ist ein Anteil dabei verschwunden, also quasi gestorben? Also habt ihr das Gefühl, dass beim Spalten immer jemand verschwindet, also stirbt? Was ich meine, ist, ob wirklich damals immer einer verschwunden ist, wenn gespalten wurde.

Die Sturmreiter

Vorab an Die Sturmreiter: Es ist keine doofe Frage, sondern vielmehr eine essentiell wichtige Frage. Danke an die Community, die sich immer wieder so hervorragend bereichert.

In der Vergangenheit ist unsereins & me schon das ein oder andere mal auf Teile dieser Fragen eingegangen, hat es aber noch nie als alleiniges Thema bearbeitet.

Ich denke, es ist als erstes notwendig zwei unterschiedliche Abspaltungs-Arten zu erkennen. Die eine Art ist die, die nur beim ERSTEN mal vorkommt. Das Ursprungskind spaltet sich aufgrund der traumatischen Belastung in ein oder mehrere weitere Teile auf, da das Ursprungskind die Belastung nicht mehr aushalten konnte und nur so das körperliche Sterben verhindert werden konnte. Dazu fasste unsereins & me im Beitrag 'Die Frage des Seins: Real oder Schein?' folgendes zusammen:

Die Frage wo das Ursprungskind (Original) geblieben ist, wird in verschiedenen Ansätzen immer wieder sehr ähnlich ausgeführt. Meistens heißt es dort, dass das Ursprungskind "nicht mehr vorhanden", "nicht mehr aktivierbar" oder "nicht mehr aufrufbar". Manche Artikel schreiben auch das das Ursprungskind "zerstört" oder "gestorben" sei. Die verschiedenen 'Experten' sind sich scheinbar nicht einmal darin einig, ob das Ursprungskind zersplittert ist und die Eigenschaften im 'Kern' (Kopie) erhalten sind oder ob es keine Kopie gibt und Ursprungskind und Kern das Gleiche sind.

Bei dieser ersten Spaltung ist es also laut Ansicht der Fachleute so, dass tatsächlich ein Zustand eintritt, den man als 'inneren Tod' bezeichnen könnte. Das, was das Ursprungskind ausgemacht hat ist nicht mehr in Gänze verfügbar. Es ist weg, deaktiviert, zerstört… oder auch Tot. Und aus den Erfahrungen heraus wohl auch 'unwiederbringlich'. Die Essenz des Ursprungskindes bleibt aber erhalten. Diese Essenz meint gewisse Grundeigenschaften, Werte, Fähigkeiten, die das Ursprungskind ausgemacht haben. Alle weiteren Persönlichkeiten haben demnach diese Essenz als Basis. Wie viele Persönlichkeiten bei einer solchen Abspaltung gleichzeitig oder kurz nacheinander entstehen ist wohl von der erlebten Stärke des Traumas abhändig. Und auch ob diese Persönlichkeiten sich dann den Alltag teilen oder einzeln im Innene und/oder Außen aktiv sind ist wohl von verschiedensten Faktoren abhängig.


Bei allen späteren Spaltungen wird in der Fachliteratur – zumindest in allen, die unsereins & me bekannt ist – etwas anderes angenommen. Es wird davon ausgegangen, dass die dann abgespaltene Persönlichkeit bei erneuter massiver Belastung (also weiteren Traumata) sozusagen ihrer Aufgabe einfach nicht mehr nachkommt. Ein übergeben eines Staffelstabes (im übertragenen Sinne) findet aber auch nicht statt. Es ist vielmehr ein: "Mir ist es zu viel. Ich kann nicht mehr. Mir egal, wer weiter macht – ich ziehe mich zurück!"

Für eine Persönlichkeit, die in diesem Moment neu auf der Basis der Essenz entsteht und quasi ins kalte Wasser fällt, wirkt es natürlich so, als ob niemand anderes da (gewesen) wäre und ist meist ziemlich überfordert mit den auf sie einstürmenden Eindrücken.

Sofern keine erneute Abspaltung stattfindet, sondern jemand von den bereits vorhandenen Persönlichkeiten einspringt um die Ausgaben zu übernehmen, scheint es für sie so, als ob die vorherige 'Alltagsperson' gestorben wäre, den Lichtweg gegangen sei oder ähnliches. Aber in den meisten Fällen ist es wohl so, dass diese 'Alltagsperson' sich ’nur' völlig zurückzieht oder sich totstellt. Das merkt man spätestens dann, wenn im Laufe der Therapie plötzlich 'uralte' Innens aus der Zeit der ersten Traumata wieder aktiv werden und sich wieder in den Alltag, die Therapie oder die Innenkommunikation einbringen. Wären sie tatsächlich gestorben, wäre das gemäß dem was unsereins & me gelesen hat, ein finaler Punkt ohne Wiederkehr.

Es kann natürlich passieren, dass eine Persönlichkeit tatsächlich ihre Existenz aufgibt. Und auch hier gibt es aus den vielen Berichten unterschiedliche Varianten / Gründe. Es gibt dabei diejenigen, die des ewigen Kampfes müde sind und ihre Existenz freiwillig aufgeben ohne sich dabei um das System oder die Konsequenzen für den Körper zu kümmern. Dann gibt diejenigen die durch Kämpfe im Innen gewaltsam zu Tode kommen. Und es gibt diejenigen, die für ein höheres Ziel (Stichwort 'Integration') ihre Existenz aufgeben, auf ihre persönlichen 'Ich darf da sein'-Rechte verzichten und so z.B. dafür sorgen, dass ein neues 'Ich'-Empfinden entstehen kann. Zumindest werden diese Varianten immer wieder berichtet. 

In der Wahrnehmung lösen diese unterschiedlichen Gründe wohl auch ganz unterschiedliche Emotionen im Innen aus. Wenn jemand einfach seine Existenz aufgibt wird das Trauer, Verlust, Angst und viele weitere negativen Gefühle für die Zurückbleibenden mit sich bringen. Wenn Innens durch innere Kämpfe zu Tode kommen, wird das von den Betroffenen oftmals als wahres Blutbad, ein Gemetzel oder Massaker empfunden – also extrem traumatisierend. Wenn ein Innen im Sinne eines gemeinsamen Weges sein Recht auf Existenz an jemand anderen übergibt löst das – so wird es oft beschrieben – ein wohliges Gefühl von überwältigender Dankbarkeit, Verbundenheit und Zufriedenheit aus.


unsereins & me würde daher unterteilen in 'tot = nicht mehr existent' und  'totgestellt = für unbestimmte Zeit nicht mehr verfügbar'. Beide Gruppen wirken auf den ersten Blick für das System gleich: 'Die sind tot'. Bei der ersten Gruppe ist jedoch eine Wiederkehr ausgeschlossen, bei der Zweiten dagegen absolut möglich.

Das es in den Kommentaren im Beitrag von ZEiTENMOSAiK auch angesprochen wurde: Davon getrennt sieht unsereins & me diejenigen, die sich 'zurückziehen = sich ausruhen oder schlafen' oder aber (aus welchen Gründen und mit welcher Technik auch immer) 'gesperrt' werden. Meinem Verständnis nach sind diese ja weiter existent, nur im Moment nicht aktiv am Innen- und/oder Aussenleben beteiligt. Dem System (oder einzelnen aus dem System) ist auch bewusst in welchem Zustand diejenigen sich befinden.


Tatsächlich hat unsereins & me all diese verschiedenen 'Tode' bzw. Formen der Existenzaufgabe selbst erlebt. Aber das heißt natürlich nicht, dass dies die einzigen Varianten sind oder bei jedem Betroffenen diese Vorgänge so ablaufen. Siehe dazu: 'Die Frage des Seins: Real oder Schein?' im Abschnitt 'Warum bin ich bzw. ist mein System so anders?'

Bitte schreibt doch eure Wahrnehmung, Erfahrungen oder das was ihr zu diesem Thema gelesen habt in die Kommentare. Gerne lernt unsereins & me neues hinzu oder andere Ansichten kennen.

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  1. M

    Melinas

    Hm, ich muss das wohl noch öfter lesen. Aber eines ist klar, eines meiner Kleinen ist vor ca.3 Jahren gestorben – ich habe es beerdigt und es wird nicht wiederkommen. Es war kein Massaker und wurde auch nicht "weggesperrt". Es ist aus Verzweiflung und Schmerz gestorben. Es wurde zu lange und immer wieder allein gelassen ohne Hoffnung. Ungefähr so wie bei Renee Spitz zu lesen ist: wenn Kinder keinerlei umsorgt werden erleben, dann geben sie auf und sterben.

    • u

      Das was du beschreibst, ist ja der Punkt:

      […]diejenigen, die des ewigen Kampfes müde sind und ihre Existenz freiwillig aufgeben[…]

      Das hat ja nichts mit Massaker oder wegsperren zu tun.

      Die Ursprungsfrage war ja, ob beim Abspalten automatisch irgendwer stirbt. Das ist nach unserem Wissen nicht so. Aber es gibt halt durchaus welche, die sterben – so wie du es beschreibst und wie es auch oben im Text steht.

  2. D

    Die Sturmreiter

    Hallo unsereins & me,
    wir haben lange überlegt, was wir schreiben könnten, aber letztendlich erschien es uns am besten zu sein, einfach nur Danke zu sagen…
    Liebe Grüße, die Sturmreiter

  3. V

    Ich hab da leider gerade nicht die Ahnung. Aber ich denk auch, dass beim Abspalten keiner stirbt, außer, das die Ursprungsperson nicht mehr die ist, die es mal vor dem Trauma war. Weil, würden welche tatsächlich sterben würde es ja kaum so viele Innenpersonen geben.

    Ich denke es ist so, das die ANP es net aushält und gleich wer einspringt, der das kennt und die ANP ist dann nur nicht vorne, aber irgendwo im innen, wo sie nichts mehr mitbekommt.
    Nun gibt es aber ja nicht nur ein Anteil in der Trauma Situation, sondern meist mindestens noch wen der das von außen sieht (aber vielleicht ja nicht immer, keine Ahnung) und wen der noch im Körper ist und tatsächlich fühlen kann, oder auch hier mehrere, wo einer nur gewisses fühlt, wer anderes spürt, oder noch wer der denkt…
    Nun, keine Ahnung, aber unsere können je nach Wünsche der Täter auch gerufen werden. Gut, dafür müssen die ja schon da sein. Aber von denen gibt es ja wieder Abspaltungen für andere Dinge, oder wo die erste Abspaltung (das hört sich ja schrecklich an, es sind ja Personen und keine Dinge!) nicht die Kraft zum aushalten hat. Aber es gibt ja alle heute noch, da ist keiner von bei der Abspaltung gestorben bei uns, deshalb bin ich da ganz bei euch mit meiner Meinung.

    Gelesen hab ich dazu aber nichts, vielleicht ja P., keine Ahnung, ist also kein Wissen nur denken und so bei uns zu sehen…
    Kompliziert…

    Liebe Grüße

  4. M

    Maryla Leopold

    Hallo Ihr,

    ich möchte mich auch bedanken. Leider hab ich da auch noch nicht die Ahnung. Nur eines ist bei mir sicher das immer mehr Anteile in mir dich nach vorne trauen und sich zeigen.

    Vielen Lieben Dank

    Maryla

  5. B

    Birke E. von ZEiTENMOSAiK

    Danke für eure Gedanken… In mir gibt es zwei unterschiedliche Gedanken… das erste geht eher in die Richtung ganz ganz ganz früh bei den allerallerersten Traumatisierungen… da fällt es mir schwer -mit euch- zu sagen: "Das Ursprungskind spaltet sich aufgrund der traumatischen Belastung in ein oder mehrere weitere Teile auf, da das Ursprungskind die Belastung nicht mehr aushalten konnte und nur so das körperliche Sterben verhindert werden konnte."… in dieser Zeit entwickelt sich das Gehirn ja noch. Es wird also das GEHIRN des Ursprungskindes gespalten, aber nicht das Kind an sich oder? Noch genauer: IM Gehirn wird etwas abgespalten… und so entsteht im sich entwickelnden Gehirn nun ein "Zwiebelschacht" -wie es Hüther nennt- der sich nach und nach zu einer als eigenständig empfunden Teilpersönlichkeit herausbildet… und bei weiteren Traumatisierungen weitere Zwiebelschächte. Das Ursprungskind erlebt, so vermute ich, Todesnähe… und NEBEN ihm entstehen weitere Teilpersönlichkeiten… doch spaltet es sich an sich?…
    Und das zweite ist dann eher ein Gedanke an zum Beispiel eine Traumatisierung als Jugendliche… ich vermute und das ist das, was mich bewegt, dass die Jugendliche das GEFÜHL hat, sie wird sterben… und es dann (fast) tut (in ihrem Empfinden)… bis sie "abgelöst" wird, weil jemand da ist, der übernimmt, weil es diese Art der Traumatisierung bereits gab… oder bis Teile ihres Empfindens neu abgespalten werden, der Beginn eines neuen Zwiebelschachtes… Sie stirbt also in dem Augenblick, um evtl. bereits wenige Minuten später im Alltag wieder da zu sein… Ich fürchte nur, dass ihre Todesängste im Therapieprozess irgendwann sehr real und fühlbar werden… egal, ob "'tot = nicht mehr existent' und 'totgestellt = für unbestimmte Zeit nicht mehr verfügbar'", das Gefühl der Todesangst ist beide Mal abgespeichert oder?… wie seht ihr das?

    • u

      Ja, alle die genannten Punkte von dir sind sehr wahrscheinlich zutreffend. Die Emotionen einer Persönlichkeit – also der entsprechende Gehirnbereich – ist ja weiter da. Ergo Sum kann es durchaus sein, dass man von diesen Emotionen die volle Breitseite abbekommt, auch wenn die früher dazugehörige Persönlichkeit nicht mehr existent ist.

      Ob sich nun das Urprungskind spaltet oder eine 'Kopie' erstellt wird – also neben ihm Teilpersönlichkeiten entstehen ist eine gute Frage: Doch die Antwort darauf ist nicht gerade zufriedenstellend. Die Fachleute sind sich eben nicht einig. Die einen meinen so, die anderen so…

      Das sich ein 'Zwiebelschacht' bildet (oder wie man auch immer man das in den verschiedenen Konzepten nun nennt) und sich eine 'als eigenständig empfundene Teilpersönlichkeit bildet', trifft es dagegen wohl sehr genau. Da werden zwar je nach Konzept andere Begriffe verwendet, aber in der Tiefe betrachtet bedeuten sie immer ähnliches:

      Der/die Betroffene nimmt sein Denken unter gewissen Umständen nicht mehr als sein eigenes an und empfindet das veränderte Denkmuster des Gehirns als eigenständige Persönlichkeit. Tatsächlich sind die Denkmuster anders und die dadurch entstehenden Zeit-, Erinnerungs-, Emotions- und Wahrnehmungslücken festigen dieses Bild des Selbst.

      Und ja, ein Betroffener kann es in einer Phase, wo er die generelle Funktion seines Gehirns nicht verstanden und die Geschehnisse angenommen hat, normalerweise auch gar nicht anders wahrnehmen.

      Selbst wenn man alles theoretische Wissen erarbeitet hat und dann auch fleißig anwendet, heißt es nicht, dass es einem einfach so gelingt, die alten Muster – oder eingefahrene Gehirn-Autobahnen – völlig zu verlassen.

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