Therapie

Was ist geblieben?

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Das sich in den letzten Jahren und besonders Monaten eine ganze Menge an Dingen in meinem Leben geändert haben, dürfte wohl den meisten Lesern bekannt sein. Insbesondere ist dies in Bezug auf meine eigene Wahrnehmung der Fall. Bei all diesen Veränderungen ist es wohl absolut berechtigt zu fragen, was denn (übrig-) geblieben ist von all dem, was über die Jahre erarbeitet wurde. Das Folgende aufzuschreiben hat nun 4 Tage benötigt und immer noch habe ich wohl nicht alles zusammen geschrieben…

Über die längste Zeit meines bisherigen Lebens haben mich die Stimmen meines Innens begleitet und ich lernte diese erst in den letzten Jahren Stück für Stück genauer kennen. Ich hatte in der Kindheit traumatisches Erlebnisse abgespalten, da ich nicht in der Lage war, diese Geschehnisse zu ertragen. Als Kind nahm ich die Stimmen als Freunde oder 'Ermahner' wahr. Als junger Erwachsener hatte ich mich über viele Jahre mit den Stimmen arrangiert. Sie waren da und unter gewissen Umständen blendete ich das Außen aus und war 'weg'. Was in der Zeit geschah, erfuhr ich in den meisten Fällen nur von Außenstehenden. Alles funktionierte irgendwie. Doch die Situation kippte. Ich nahm die Stimmen immer mehr und die Zeitlücken sogar fast ausschließlich als Bedrohung wahr. Auch als dieser Erwachsener, der nicht mehr in der eigentlichen Gefahren-Situation steckte, konnte ich nicht einfach sagen: "Ist Vergangenheit, macht mir nichts."

Denn es hat mir extrem viel ausgemacht! Es hat mich extrem belastet und oftmals massiv überfordert. Sowohl in den Jahren der Therapie als auch in den Lebensjahren davor.

Über die Jahre wurden Erlebnisse aufgearbeitet, Handlungen besprochen, Emotionen zugelassen, charakterliche Eigenschaften und Fähigkeiten erfasst und unterschiedlichste Herangehensweisen bezüglich der Verarbeitung ausprobiert. Es war eine Sisyphus-Arbeit. Oftmals in dem Gefühl: 1 Schritt vor und 2 zurück. Immer wieder halfen die verschiedensten Betreuer mir dabei, zu erkennen, dass es nicht so war. Doch es war anders: 1 Schritt vor, eine Reaktion darauf, den nächsten Schritt vor. Manchmal war die Reaktion massiv heftig, manchmal recht milde. Manchmal niederschmetternd, manchmal aufbauend. Manchmal war sie lähmend und manchmal beschleunigend.

Die Erlebnisse der Vergangenheit sind mir jetzt bewusst wie nie vorher in meinem Leben. Nicht bewusst in dem Sinne, dass sie mich jetzt aktuell niederschmettern oder quälen. Aber eben nicht verdrängt und auch nicht als 'ungeschehen' betrachtet. Deutlich das Wissen: Diese Dinge sind geschehen! Ich habe diese Dinge erlebt! Die Beweise dafür sind außer Zweifel und eindeutig vorhanden. Dieses Wissen ist immer deutlicher, fester und sicherer in den Jahren geworden und ist so geblieben.

Meine Handlungen – zum großen Teil deutlich geprägt von den nicht verarbeiteten Erlebnissen – haben ebenfalls statt gefunden. Ich war später im Leben nicht pauschal unschuldig. Ich habe damals dafür nicht die Verantwortung tragen wollen und alles in das Abgespaltene gestopft. Das war damals keine bewusste Entscheidung von mir. Ich habe also nicht gesagt: "Da will ich keine Verantwortung für tragen, deswegen dissoziiere ich und schiebe das jemandem im Innen in die Schuhe". Das war ein automatisierter, unbewusster Prozess, der erst mühsam durchbrochen werden musste. Nun sind mir meine Handlungen auch in ihrer Tragweite bewusst. Ich dissoziiere aber weiterhin, wenn der Stress groß wird, oder ich nicht achtsam genug bin. Das ist also auch geblieben.

Ich war immer ein Mensch voller Emotionen. Ich wurde von den Menschen um mich herum oft als humorvoll, herzlich, freundlich, verständnisvoll und sogar als gefühlvoll beschrieben. Ich konnte sowohl von Herzen lachen, als auch aus voller Seele weinen. Aber an die Emotionen der vergangenen Erlebnisse und der eigenen Handlungen heran zu gehen, war echt so etwas wie ein gefühlter Super-GAU. Diese Gefühle waren nicht umsonst über so lange Jahre weggesperrt. Ohne eine passende Unterstützung hätte ich mich dem wohl nie stellen können. Und dennoch hat es lange gedauert, bis ich bereit war, mich mit diesen Emotionen auseinander zu setzen. Ich nehme meine Emotionen nun deutlicher und differenzierter wahr. Sie können mich weiterhin überrollen – ich bin z.B. tierisch nah am Wasser gebaut. Das ist also auch geblieben.

Die charakterlichen Eigenschaften, die ich in den Innens abgespalten hielt, sind extrem vielfältig. Die Eigenschaften und Wesensmerkmale waren auch nach Außen massiv schwankend zu bemerken. Durch die Abspaltung war es so, dass es über viele Jahre kaum mäßigende Elemente gab. Es wurde entweder das Eine getan oder das Andere völlig gelassen. Sowohl für mich selbst als auch für Außenstehende war das mehr als nur befremdlich. Da bin ich mir sicher. Film-Genres, die mich interessierten, waren am nächsten Tag plötzlich auf der 'Hass-Liste', ähnlich ging es mit Spielen, Musik und anderen Themen. Emotionale Ausgeglichenheit… Fehlanzeige – Wut und Freude pendelten hin und her. Das ist nun gefestigter – auch wenn ich mich des öfteren mit der wahrgenommenen Vielfalt der Wesensmerkmale doch ziemlich überfordert fühle. Geblieben ist die Freude an vielen kleinen Dingen und die unsagbare Nervosität vor allen anstehenden Tätigkeiten. Wenn ich dann an diese Dinge herangehe, ist sie verschwunden. Die Stress-Anfälligkeit ist mir genau so geblieben wie bisher.

Bei den Fähigkeiten war es wahrscheinlich noch wesentlich offensichtlicher. Gitarre und Keyboard spielen: Da – weg. Fotografieren können: Da – weg. Programmieren: Da – weg. Die Liste ließe sich schier endlos fortführen. Auch jetzt habe ich bei Weiten nicht den Zugriff auf alles Mögliche, was ich in meinem Leben bisher mal konnte. Aber ich habe nicht das Gefühl, das eine Sache, die ich heute kann, morgen plötzlich völlig im Nirwana verschwindet. Zur Zeit bin ich eher auf der Suche nach den Fähigkeiten, die schon vor längerer Zeit verloren gegangen sind und prüfe nun, ob es mir wichtig ist, sie wieder neu zu entwickeln. Geblieben sind einige erweiterte Fähigkeiten im Computer-Bereich, wie z.B. Webseiten-Kram und Grafikerstellung – die ja dann zumindest teilweise künstlerisch zu sehen ist.


All diese Dinge konnte ich durch die Therapie miteinander verknüpfen und für mich annehmen. Das bedeutet nicht, dass sie jetzt alles plötzlich in Super-Ausgeglichener-Mega-Form vorhanden wäre. Ich nehme es anders und als meines wahr. Ich schiebe es nicht mehr von mir weg.

Einige der Sprachbilder, die mich auf dem Weg der Therapie begleitet haben, sind jetzt nicht mehr stimmig für mich und daher wende ich sie nicht mehr auf mich an. Ebenso ist es mit einigen Übungen, die über längere Zeit zum Alltag gehörten. Den sicheren Ort habe ich seit der finalen Fusion nicht mehr ausgesucht – weder es versucht noch Bedarf dazu gehabt. Auch sind die vormals abgespaltenen Innens nicht mehr als getrennte Charaktere vorhanden. Die vollständige Fusion, die durch die Gesamtheit der oberen Punkte möglich wurde, bedeutet einfach gesagt, dass es für mich nicht mehr notwendig ist, die Abspaltung aufrecht zu erhalten.

Wie ist es nun, wenn ich mich an sie zurück erinnere? Ich habe alle Namen parat, weiß, welcher Innen damals in einer bestimmten Situation aktiv war und welche Emotionen vorhanden waren. Aber ich übernehme nun die Verantwortung im Innen und Außen für das Vergangene. Das hat sich tatsächlich gegenüber der letzten knapp 1,5 Jahre nicht geändert. Damals hatte ich mir dieses Verantwortungsgefühl für die Gesamtheit erarbeitet und konnte es im laufe der folgenden Jahre auch immer besser anwenden.

Ich habe aber meinen Sprachgebrauch in der letzten Zeit geändert und sage nun nicht mehr: "Soundso hat jenes gemacht", sondern ich verwende immer öfter gezielt Aussagen wie: "Ich habe damals als Soundso jenes gemacht". Das ist ein Lernprozess, denn es gibt durchaus einige Situationen in denen mir es wahnsinnig schwer fällt das so auszudrücken.

Einige Fertigkeiten die ich mir in der Therapie erarbeitet habe, sind heute noch genau so vorhanden wie zu der Zeit, als ich sie erlernte. Z.B. kann ich mir die Dinge aus der Vergangenheit tatsächlich weiter wie in einer Blase betrachten. Ich kann sie mir in den Blick holen und ich kann sie wieder an die Seite – oder gar hinter mich – schieben.

Bubble

Ich kann mir meine Vergangenheit anschauen

Auch die Fertigkeit mir Details anschauen zu können ohne in Panik zu geraten hängt damit zusammen. Auch das ist mir erhalten geblieben. Ich weiß, dass die Dinge in den 'Hängeregistern' mir geschehen sind und bin mit dem Geschehenen auch emotional verbunden.

Ein Leben vielen Erlebnissen, Fakten und Erinnerungen

Die Feststellung, dass es ein ich gab, das in viele Teile zerfiel und nun wieder zusammengefügt ist, ist ebenfalls mit vielen Emotionen verbunden. Auch dieses Sprachbild ist weiterhin passend – egal ob in Form der Vase oder der vielen Punkte.

Vase 2.0 RC3
Vase 2.0 RC3

Die Vase ist wieder zusammengesetzt

Ich stehe auch weiterhin dazu, dass es all die Abspaltungen mit ihren Charakteren, eigenen Emotionen und Erinnerungen gegeben hat. Ich sehe sie im Nachgang zwar im Rahmen des 'Therapie-Konzeptes', aber deswegen spreche ich ihnen nicht die Existenz ab. Sie waren da – so wie ich auch da war. Es war mal ein Ganzes, zersplitterte und ist nun wieder ein neu zusammengefügtes Ganzes. So wie ich als Ganzes echt bin, waren auch alle Abspaltungen echt.

Ein Leben mit Punkten

Unterschiedliche Wesensmerkmale in Einem

Geblieben sind viele kleine Bausteine aus der Therapie, die mich als Ganzes ausmachen und auch möglich machen. Ich bin in den Details sicher anders, aber die grundsätzlichen 'Anlagen' und 'Bestandteile' entsprechen denen, die schon immer da waren.

Geblieben ist auch der Hang zur maßlosen Selbst-Überforderung. Früher blendete ich alles aus, es ging in einen Funktionsmodus und irgendwann, wenn ich es wieder mitbekam, war alles erledigt. Nun merke ich die kräftezehrende Selbst-Grenzüberschreitung wesentlich mehr. Und noch habe ich keine wirkliche Steuerung dagegen entwickelt. Grenzüberschreitung… echt eine der Dinge die gerne hätten 'verschwinden' dürfen.

Es ist geblieben, dass ich ein exorbitantes (Halb-)wissen in wahnsinnig vielen Gebieten habe und oftmals das Wissen nur so heraussprudelt. Auch wenn das jemand das gerade gar nicht wissen will ☺

Es ist geblieben, dass ich mich weiter noch besser kennen lernen möchte. Meine Fähigkeiten, meine Interessen und meine Wesenszüge noch klarer erkennen möchte. Und diese dann auch in einem Maße zu nutzen, wie es gut ist.


Ich bin weiterhin ein Multi: Mittlerweile zusammengesetzt – immer noch mit der Tendenz zu dissoziieren sowie einer Fülle an Erinnerungen, wechselnden Fähigkeiten und teils widersprüchlichen Emotionen. Aber ich bin ohne weitere Stimmen und nehme mich selbst als geeint wahr.


uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ

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  1. I

    Ich bin jeden Tag aufs Neue stolz auf dich. Stolz auf das, was du erreicht hast, stolz darauf, dass du dich jetzt nicht in die Ecke setzt und sagst: jetzt hab ich alles erledigt. Sondern du arbeitest jeden Tag weiter an deiner Stabilität. Und ich bin sicher, du wirst in Laufe der Zeit weiter Fortschritte machen.
    Ich liebe dich und bin glücklich an deiner Seite zu sein.

  2. M

    Maryla Leopold

    Ich finde es stark was du schon alles erlebt, gelebt, erlernt und Dir erarbeitet hast. Danke das ich es sehen darf. Mach weiter so. Du bist ein starker Mensch mit einer tollen Ausstrahlung. Danke

  3. B

    Hallo lieber unsereins & me,

    Danke für diesen Beitrag, er hilft mir vielleicht unerreichbare Wünsche bzgl. Heilung zu erkennen. Sich als zusammen gehörig fühlen löst nicht alle Schwierigkeiten des Alltags. Vermutlich ist es ein sich annähern an einander/an sich selbst, das in unterschiedlichen Varianten lebenslang weiter geht. Wir versuchen immer unser Erleben mit dem von Unos zu vergleichen, weil ich immer wieder manche Verhaltensweisen auch bei Unos erkenne, nur in einer anderen Ausprägung. Aber vielleicht nehme ich "uns" als viele oft nicht ernst. …… Hm.

    Weiterhin ganz viel Erfolg und es freut uns all dies von dir zu lesen.

    Herzliche Grüße
    "Benita"

    • u

      Ohhhh, deine Antwort freut mich gerade total! Ich lese schon so lange und sehr gerne in deinem Blog und oftmals konnte ich ganz viel für mich aus deinen Blogbeiträgen 'mitnehmen'. Da ist es doppelt schön, dass ich dir auf diese Art auch etwas 'zurückgeben' kann :)

      Nein, es löst zwar Probleme: Die Zeitlücken und die daraus entstehende Verunsicherung z.B. – aber bei weitern nicht alle… Und schon mal gar nicht mit einem Fingerschnippen (obwohl ich mir selbst das auch gewünscht hätte). Ja, die Wortwahl von dir ist so extrem stimmig: "ein sich annähern" – das trifft es genau.

      Dieses Vergleichen mit Unos kenne ich aber auch. Ich glaube, dass auch das ’normal' ist. Schließlich sind wir unser Leben lang von Unos als 'Referenz' umgeben. Und die wenigsten Multis wissen schon sehr früh, dass sie im Innen anders agieren als Unos. Logischerweise vergleicht man sich also mit Unos… Wenn man dann z.B. einer Klinik ist, wo Multis und Unos zusammen sind und die Diagnosen nicht 'versteckt' gehalten werden, empfand ich sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede immer als wesentlich deutlicher wahrnehmbar.

  4. B

    Daaaaaanke für deine liebe Antwort. *freudig gerührt*. Das ist sehr schön, dass mein Geschreibsel dir hilfreich war und ist. ☺️

    Übrigens ist es wahrlich nicht das erste Mal, dass ich hier bei dir auch einiges für mich/uns 'mitgenommen' hab. Das ist bestimmt längst ausgeglichen. Wer will das schon wissen, ob ich da nicht wieder dran bin mit Schreiben von 'Mitnehmbaren'. Spaß beiseite, wie schön, dass es die Möglichkeit des bloggens gibt und wir so von einander lernen können und Schritt für Schritt weiter gehen und immer mehr heilen.

    Dein Hinweis, dass Unos ja unsere tägliche Referenz sind hatte ich noch gar nicht bedacht. Das ist so wahr! Im Alltag kenne ich ja überhaupt keine*n Multi näher. Hab nur einmal eine Multi kurz kennengelernt aber hatte kaum Kontakt. Trauma-Kliniken gibt es hier nicht und normale Psychiatrie Stationen meide ich aus gutem Grund.

    Vielleicht macht es das so schwierig im ’normalen' Leben zum viele sein zu stehen? …… Ist gerade Thema, wo oute ich mich und wie, dabei zweifeln wir nicht an der Diagnose. Schon lange nicht mehr. War mehr Erleichterung und Bestätigung. …..

    Ganz liebe Grüße
    "Benita"

    • u

      Ich denke die Schwierigkeit 'zum Viele sein zu stehen' ist auf mehrere Faktoren begründet. Sicher zum Einen der den du nennst, dass um einen herum (fast) nur Menschen sind, die anders ticken und somit als 'Norm' gelten. Also die Angst vor der Stigmatisierung spielt mit rein. Aber auch die Tabuisierung der Gründe für die Diagnose macht es extrem schwer, sich zu 'outen'. Solange Opfern erstmal die 'Nein, das sowas geschehen dir sein soll, kann ich mir nicht vorstellen'-Haltung entgegengebracht wird, ist es extrem schwer die eigenen Ängste zu überwinden.

      • B

        Dass es unvorstellbar ist, wurde uns noch nie direkt gesagt, eher das entsetzliche "Ach, wir sind doch alle multiple!” …… Das heißt indirekt natürlich auch "ich glaube dir nicht!” bzw. "Ich will nichts darüber wissen." ……

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