Therapie

Vergebung

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Eine andere Betroffene erzählte Im März 2017 davon, dass ihr von ihrer Mutter, die alle Vorfälle vehement bestreitet und zu einem der Täter wohl ein gutes Verhältnis hat, gesagt wurde: "Man muss doch auch mal vergeben können." uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ hat diese Aussage schon direkt in dem Moment tief getroffen. Doch dann kam die Frage der Betroffenen: "Habt ihr vergeben?"

Und auch 8 Monate nach der ersten Veröffentlichung dieses Beitrages, ist das Thema immer noch präsent. Daher hat uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ diesen Artikel überarbeitet und nun sogar öffentlich gestellt.

Die erste Antwort war: "Es gibt Tage, da denkt uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ dass wir vergeben haben. Und dann sind da Momente, wo eher ein 'Nein!' durch den Kopf hallt." Vor Allem wenn uns mal ein bestimmter Täter über den Weg laufen würde. Dann kommt immer noch Ekel hoch.

Die Frage hallte noch nach. uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ musste schauen wie unser Stand da tatsächlich ist. Einfach um Klarheit zu haben. Bei der Recherche fand uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ folgende Definition von Vergebung:

Vergeben bedeutet, jemandem, der einen verletzt hat, zu verzeihen und Gefühle wie Wut, Verbitterung und Rache los zu lassen. Es bedeutet jedoch nicht, das Unrecht gut zu heißen, herunterzuspielen oder so zu tun, als wäre nichts geschehen. Vergebung ist vielmehr eine bewusste Entscheidung. Sie beruht darauf, dass man den Frieden an die erste Stelle setzt und außerdem ein gutes Verhältnis zu dem anderen aufbauen oder beibehalten möchte.

Aus religiöser Literatur

Wut ist nicht mehr da. Früher ja, über lange Zeit und ganz Massiv. Doch durch die Therapie und den gelebten Glauben hat sich das gewandelt. Im Alltag ist es eher Mitleid mit den armen Gestalten, die in ihrem eigenen Wahn so gefangen waren und sind, dass sie anderen Leid antun mussten um sich selbst nicht als das aller-niedrigste wahrnehmen zu müssen. Um das Wort 'Verbitterung' genau einordnen zu können musste unsereins & me weiter suchen.

Eine Verbitterung ist meist die Folge einer großen persönlichen Kränkung. Man fühlt sich von seinen Mitmenschen sehr ungerecht behandelt und missverstanden, ist zutiefst verletzt und fühlt sich gleichzeitig hilflos, dagegen etwas zu unternehmen.

Palverlag

Lange Zeit fühlte sich unsereins & me Missverstanden – aber kann uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ wirklich ein Verstehen erwarten? Wie soll jemand, der nicht das durchlebt hat, was uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ erlebte, die Auswirkungen verstehen? Gar nicht. Verständnis zeigen geht eventuell noch, wenn die Person sehr emphatisch ist. Nein, es ist keine Verbitterung mehr – denn auch wenn uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ ohne Ende verletzt und massiv ungerecht behandelt wurde, so ist uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ nicht mehr hilflos etwas dagegen zu unternehmen. Die notwendigen Schritte wurden eingeleitet und mittlerweile sogar abgeschlossen.

Und Rache? Nein, Rachegedanken sind ebenfalls nicht mehr da. Früher waren die Rachegedanken sehr ausgereift und ausgefeilt. Aber nun ist uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ klar: uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ würde sich auf die gleiche Stufe wie die Täter stellen, wenn wir Rache an den Tag legen würden.

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ hat und wird das Geschehene nicht herunterspielen. Und nein: Wenn uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ einen bestimmten Täter treffen würde, wird uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ nicht so tun, als ob nie etwas geschehen wäre. Es wird sicher weiterhin Ekel in uns aufkommen. Aber uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ will im Innen Frieden haben. Es ist ein Wiederstreit der da ist. Frieden im Innen funktioniert nicht, wenn im Außen Streit ist. Also kein Streit mit Tätern. Frieden halten… also das Gegenteil von Krieg führen… Jeder bleibt in seinem 'Areal' und gut ist es.

Ein gutes Verhältnis zu den Tätern aufbauen… Pffffff… Ist es nicht bereits gut (genug), wenn man den Tätern nicht mehr Pest und Cholera an den Hals (und dazu alle Krankheiten der Erde an andere Stellen) wünscht, sie in Ruhe lässt, ihre Taten nicht vor anderen mit ihrem Namen verbreitet und so Frieden hält? Ist das nicht ein 'gutes' Verhältnis?

Ich finde, ich bin auf einem guten Weg zum Vergeben ohne das Geschehene herunterzuspielen oder so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Das Vergessen ist der Verlust von Erinnerung. Der Mensch vergisst über die Zeit hinweg kontinuierlich, wobei die Geschwindigkeit und der Umfang des Vergessens von vielen Faktoren abhängig sind, u. a. vom Interesse, von der Emotionalität der Erinnerung und „Wichtigkeit“ der Information.

Wikipedia

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ hat gelernt die Emotionen zu den Erinnerungen besser anzunehmen und nicht mehr nur von ihnen hin- und her geworfen zu werden. Das 'Interesse' ist natürlich noch sehr groß – uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ würde es eher als 'Bedürfnis sich damit auseinander zu setzen' bezeichnen. Die 'Wichtigkeit' ist natürlich (noch?) gegeben, denn es ist notwendig um die Therapien und die Innenarbeit weiterführen zu können.


Ein 'vollständiges Vergessen' wäre unserer Meinung nach nur möglich, wenn die Täter ihre Taten nicht nur (wie zum Teil geschehen) zugeben, sondern auch 'erklären', ihr (unentschuldbares Handeln) bereuen und auf alle Zeiten unterlassen – oder wenn sie versterben. Nur dann wäre ein 'völliges Vergessen' mit Hilfe der therapeutischen Arbeiten und der persönlichen Glaubens-Überzeugung im Rahmen des möglichen.

Aber ein 'kleines Vergessen' ist bereits erreichbar. Was meine ich mit 'kleines Vergessen'?

Das Geschehene an sich ist zur Zeit nicht vergessen. Aber die Details werden unwichtig. Die Täter werden unwichtig. Der Fokus liegt auf dem inneren Selbst. Denn wenn ich mich mit aller Aufrichtigkeit, Liebe, Hingaben, Annahme, Ehrlichkeit, Wärme und Freude um die Bedürfnisse von uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ kümmere, stehe ich im Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit. Nicht mehr die Täter. Dann wird uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ im Heute nicht mehr negativ von den Geschehnissen der Vergangenheit beeinflusst. Dem Täter zu verzeihen und Gefühle wie Wut, Verbitterung und Rache los zu lassen und nicht immer und immer wieder daran zu denken, was geschehen ist, ist also in der Definition von uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ ein 'kleines Vergessen'.

Ein 'kleines Vergessen' hat uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ bereits mehrfach erreicht.

Ein Tatort löst nichts mehr aus – null, nada, nichts. Und der Täter ist nicht mehr relevant – er ist verstorben. Sein Körper ist definitiv den Maden eine Mahlzeit gewesen. Diesem Täter hat uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ tatsächlich vergeben. Ohne dass es eine Aussprache mit ihm hätte geben können. Und diejenigen von uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ, die das Leid, dass er verursacht hat, ertragen haben, sind nun zur Ruhe gekommen, nachdem ich verstandesmäßig und emotional dieses Leid als das Meine angenommen habe. Die Trigger aus dieser Tat, die ein dissoziieren bewirkten sind nicht mehr existent. Also ist ein bewusstes Erinnern nötig um dort noch an etwas heran zu kommen. Aber im Alltag und in der Therapie spielt es keine Rolle mehr. Selbst jetzt beim Schreiben und dem bewussten damit auseinandersetzen löst es nichts aus. Keine Flashbacks, keine emotionalen Erinnerungen die mich überfluten. Was noch da ist, ist die aus dieser Tat stammende Fähigkeit, Angst an einer bestimmten Stelle des Körpers wahrzunehmen. An dieser Stelle nehme ich immer Angst wahr. Wenn diese Stelle sich also meldet, weiß ich sofort: Angst ist vorhanden und dann kann ich achtsam reagieren. Es ist quasi die Beschreibung einer 'abgeschlossenen Fallakte', die in den nächsten Jahren weiter verstauben wird, da sie nicht mehr wichtig ist.

Möglicherweise wird daraus aber im Laufe der Zeit tatsächlich ein 'völliges Vergessen' – wenn die Fallakte so eingestaubt ist, dass niemand mehr dies in die Hand nehmen muss und das ’sich kümmern' nicht mehr bewusst stattfinden muss. Einfach weil im Laufe der Zeit neue, gute Denk-Autobahnen eingerichtet worden sind.

Bei zwei weiteren Tätern ist dieses 'kleine Vergessen' nun auch erreicht – das Jahr 2018 ist ca. zur Hälfte dafür verwendet worden. Der Tatort spielt keine Rolle mehr – da er sich optisch sehr gewandelt hat war das Lösen davon sogar recht einfach. Diese beiden Täter wurden polizeilich gesucht, konnten aber trotz mehrfacher Verbrechen die ihnen eindeutig über Zeugenaussagen nachzuweisen sind, nicht gefasst werden. Die Täter – sofern sie überhaupt noch leben – wären nun über 90 Jahre alt. Sie sind keine Gefahr mehr. Ja, auch hier erinnere ich mich noch an die Gesichter und Handlungen – aber der Schrecken ist vergangen. Tatsächlich lösen die Erinnerungen an diese Zeit keine negativen Emotionen oder Unruhe mehr im Innen aus. Selbst die Fahndungsfotos die uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ vorliegen bringen keine Wut oder Hass mehr hervor sondern rufen nur nur noch das Wissen um ihre Taten und das was ich erlebt habe ins Gedächtnis zurück. Das Sorgsame umgehen mit sich selbst in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen gelingt Ende 2018 in Bezug auf diese Taten auch schon viel besser. Auch diese Fallakte ist für uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ geschlossen und darf nun vor sich hin stauben.

Ein Täter ist noch problematisch, da er nicht genauer bekannt ist und vom Alter her sehr wahrscheinlich auch noch lebt. Oft genug erlebe ich es daher noch, dass Personen, die ein ähnliches Aussehen haben erstmal einen Ekel hervorrufen. Da ich aber für die Sicherheit von uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ nun selbst Sorge trage und auf den inneren Aufschrei dann reagiere, kann ich ein dissoziieren verhindern. Der Tatort an sich hat seinen Schrecken durch die Therapie verloren – obwohl er fast noch genau so aussieht wie damals. Hier ist ein 'kleines Vergessen' zwar noch nicht erreicht, ein Vergeben im Sinne von keine Wut, Verbitterung und Rachegedanken mehr zu haben, ist aber auch hier bereits erreicht. Verzeihen ist in diesem Fall noch schwierig.

Es sind noch zwei weitere Täter bekannt. Einem davon konnte uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ vergeben und hat ganz aktuell auch ein 'kleines Vergessen' erreicht. Hier sind die negativen Gedanken gegenüber der Person ebenfalls abgebaut worden. uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ hat diesen Täter mehrfach flüchtig gesehen in den letzten Jahren und hat damit nun keine Probleme mehr. Es gibt aber auch keinen Gesprächsbedarf mehr von uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ aus. Der Fokus liegt auch hier auf der eigenen Fürsorge im Innen und die erste (ganz dünne) Staubschicht legt sich auch auf diese Fallakte.

[Update 24.01.2019: Der letzte bekannte Täter löst nun auch keinen Ekel mehr aus.] In einem früheren Gespräch mit dem Täter wurden die Taten von ihm verharmlost und das bereitete uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ große Probleme. Es sind nun dennoch keine keine Wut oder gar Rachegedanken mehr vorhanden, und auch die Verbitterung ist gewichen. Der Tatort, alle Umstände und sogar Details sind bekannt. Aber uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ hat sich entschieden, diesen Tatort nicht zu begehen. Weil es für uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ (momentan?) nicht nötig ist und die Gefahr eines kompletten Zusammenbruchs auch von Seiten aller Fachleute her als zu groß eingeschätzt wird. Ob in (näherer) Zukunft nochmal ein Austausch mit dem Täter stattfindet, wird sich zeigen. Ein 'kleines Vergessen' konnte ich mir hier ebenfalls erarbeiten. Es war für den eigenen inneren Frieden absolut notwendig und uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ hat mit der Shiatsu-Tante und anderen die die gleichen Glaubensansichten teilen, durch weitere Gespräche dieses Ziel ohne dazutun des Täters zu erreicht.

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ steht innerer Frieden zu, ohne dafür von einem anderen Menschen abhängig zu sein!

Als abschließende Bemerkung: Es gibt im Übrigen auch Personen, denen ich nichts zu vergeben habe was mit den Taten der Vergangenheit zu tun hat. Warum? Weil sie damit nicht zu tun hatten, sie keinen Einfluss darauf nehmen konnten und keine Kenntnis von den Übergriffen hatten. Wenn ihr also zu jener Gruppe gehört: Ich bin mit euch was die Vergangenheit angeht im Reinen. ♥

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ

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  1. M

    Melinas

    Hallo ihr Lieben,
    Vergebung! Darüber habe ich mir in der Vergangenheit über Jahre den Kopf zerbrochen und es ist immer noch ein großes Thema.
    Ich halte Vergebung nicht unbedingt für etwas, das es zu erlangen gibt. Wie Du schon schreibst, finde ich auch es ist genug keine Rachegefühle, keine Wut denen gegenüber zu hegen…..zumal meine TäterInnen längst gestorben sind. Wären sie aber noch am Leben z.Bsp. meine Mutter und noch ein Pflegefall vielleicht – und ich würde sie pflegen müssen? Na, ich wäre sicherlich nicht dagegen gefeit – ihr einiges zurück zu geben, sozusagen als Ausgleich für meine Qualen. So bin ich froh, dass sie schon früh gestorben ist. Zu Lebzeiten habe ich ihr schon als Kind nur noch Verachtung entgegengebracht. Kopfmäßig habe ich ihr längst vergeben, aber das ist halt nicht vergeben, sondern nur eine Erklärung für die Gründe, die sie so handeln ließ.
    Aber das ist keine Vergebung – und ich glaube, ich halte nichts von Vergebung. Mein Glaube daran, dass es eine Seele gibt, dass wir mehrere Leben haben und hier sind um zu lernen – erübrigt Vergebung. Jeder trägt die Konsequenzen seines Handelns, wenn nicht in diesem Leben, dann in einem anderen, das gilt für die Täter genauso wie für mich und alle, auch wir müssen gerade stehen für ALLES was wir tun oder unterlassen. So sehe ich das.

  2. V

    Was ihr unter vollständige Vergebung beschreibt, dem kann ich für uns nur zu stimmen. Sehen wir genauso. Bei uns ist nichts davon erfolgt, daher können wir nicht wirklich vergeben, zumindest noch nicht.
    Diese religiöse Literatur scheine ich auch gelesen zu haben. Und genau dieser Punkt zu vollständigen Vergebung fehlte dort…
    Wir haben großten Teils keinen Hass, würde ich behaupten, keine Rache Gefühle außer die Sehnsucht, dass die Täter ihre gerechte Straffe für ihre Taten bekommen. Es gibt aber doch jemand in uns, der selbst zurück zollen will, voller Wut ist es, einer unbändigen Wut…
    Und wir haben auch immer noch sehr viel Angst. Ich glaube es wäre unmöglich die Täter offensichtlich anzuprangen. Ja wir würde im Boden versinken vor Scham. Würden uns wie das letzte, bösartige Stück fühlen.
    Wir sind wohl noch lange nicht so weit…
    Danke für die Hoffnung, die ihr uns durch diesen Beitrag schenkt.
    Liebe Grüße
    Vergissmeinnicht

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