Therapie

Über die Grenzen gehen

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um author

Die eigenen Grenzen zu überschreiten liegt wohl vielen Betroffenen 'im Blut' – nicht nur bei DIS/DSNNS, sondern auch bei anderen psychischen Belastungen. Der Alltag hält für die Meisten schon so viele Belastungen parat, dass 'Kleinigkeiten' einen mehr oder weniger zügig über die persönlichen Grenzen bringen. Doch wie geht man damit um?

Klar kann man rein theoretisch sagen: "Nein, mach ich nicht! Da ist meine Belastungsgrenze und deswegen gehe ich da nicht drüber!" Aber seid ehrlich – ist damit dann das Problem gelöst? Sehr wahrscheinlich nicht. Vielmehr wird es sich aufstauen / auftürmen und irgendwann ist aus dem einen Wäschekorb, der einem mehr Kraft abverlangt hätte, als gerade da war, eine Mauer aus Wäschekörben geworden. Regelrecht ein ganzer Wäscheberg ist erwachsen und faktisch nicht mehr zu bewältigen. Selbst wenn man dann 'das Glück' hätte gerade mal drei Tage am Stück echt gut drauf zu sein.

Tatsache ist also wohl, dass es durchaus nötig ist über seine sich selbst gesetzten Grenzen zu gehen um gewisse Dinge nicht noch größer oder schwieriger werden zu lassen. Und das ist nicht nur im Alltag so, sondern auch – und gerade – in der Therapie.

Nun mag der Einwand kommen, dass man davon dann getriggert würde, sich dann selbst so unter Druck setzt, dass man zusammenklappt und alles nur noch grauer oder gar schwarz wird. Oder aber dass man komplett weg-dissoziiert und an Therapie dann nicht mehr zu denken sei.

Ich denke es ist notwendig, sich ein paar Dinge klar zu machen.

  1. Jeder Betroffene hat zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben erfahren wie es ist, wenn von anderen die eigenen Grenzen überschritten werden. 
  2. Jeder Betroffene hat sich selbst so niedrige Grenzen gesetzt, dass ihm im Regelfall gar nicht klar ist, was er schon erreicht hat oder zu was er in der Lage wäre. 
  3. Jeder Betroffene kann 'Verbesserungen' nur erreichen, wenn er etwas ändert.

Es ist unbestritten schädlich, wenn andere Personen die Grenzen von einem selbst überschreiten und man sich nicht dagegen wehrt / wehren kann. Gerade deswegen haben die Betroffenen ja den Überlebensmechanismus der Dissoziation 'perfektioniert'. Auch ist es schädlich, wenn man selbst über die eigenen Grenzen geht und dies unbewusst macht. Ebenso wirkt es sich fatal aus, wenn man immer und immer wieder alle seine Energie für viele verschiedene Dinge 'verbrät'.

Daher ist es wichtig zu verstehen, dass ein bewusstes, absichtliches, kurzfristiges und zielgerichtetes über die eigenen Grenzen gehen etwas anderes ist, als das was bei vergangenen Erlebnissen geschah. Auch wenn fast jeder Betroffene alle Arten der Grenzüberschreitungen emotional in einen Topf wirft und entsprechend darauf reagiert.

Auf folgende Weise über die eigenen Grenzen zu gehen ist in Ordnung:

• Bewusst
• Absichtlich
• Kurzfristig
• Zielgerichtet

Wenn ich mich bewusst dafür entscheide z.B. in eine Klinik zu gehen um dort intensiv therapeutisch arbeiten zu können, so mag das dennoch sogar massiv über die bisher bekannten Grenzen gehen. Eventuell habe ich Probleme mit fremden Menschen, damit, mich auf neue Therapieformen einzulassen oder alleine schon die Anreise zur Klinik mag eine enorme Belastung sein. Wenn ich mich bewusst dafür entscheide diese Grenzen zu überschreiten, dann tue ich das mit der Absicht eine Therapie durch zu führen, die ich in der Dichte bei einem ambulanten Setting wahrscheinlich nicht erhalten kann. Ich weiß, das es nur eine gewisse kurze Zeitspanne andauern wird und dass ich dadurch meinem mir persönlich gesetzten Ziel möglicherweise näher kommen kann.

Wenn ich partout nicht bereit bin über all diese Grenzen zu gehen, kann ich mir den Versuch einer Therapie in der Klinik gleich schenken. Ich werde letztendlich nur mit einem negativen Erfahrungsbericht aus der Klinik zurück kommen und mir möglicherweise die Chance verbauen in einem nächsten Anlauf weitere Fortschritte zu machen.

Wer sich in eine Therapie begeben will um Änderungen der aktuellen Situation zu erreichen muss sich klar machen, dass eine traumatherapeutische Behandlung einem so ziemlich alles abverlangt, was nur denkbar ist.

Es ist wie mit dem Vorhaben, einen Marathon zu laufen. Wenn ich das als Ziel habe, muss mir klar sein, dass das Training nicht damit getan ist, einmal die Woche locker um den Block zu walken und jeden Tag der Woche nach dem Training in der Lieblings-Fastfood-Kette einzukehren. Es bedeutet viele Einschränkungen und Änderungen vorzunehmen – besonders, wenn man vorher eher zu den Bewegungs-Legasthenikern und Big-Food-Anhängern gehört hat. Es bedeutet diese Änderungen über eine gewisse Zeit konsequent durch zu ziehen. Und nein, man wird nicht etwa nach einer Woche, einem Monat, drei Monaten und wahrscheinlich nicht mal nach 6 Monaten, auch nur ansatzweise fit genug sein um den New-York-Marathon zu Ende zu laufen. Nur wenn ich bereit bin über meine bisher gesetzten Grenzen zu gehen und meine 'Wohlfühlzone' (Die Couch in diesem Fall) zu verlassen, werde ich besonderes erreichen können.

Es ist eine Frage des Willens. Will ich etwas ändern – 'koste' es was es wolle, oder mach ich Einschränkungen. Ja, all die folgenden Aussagen hat uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ schon gehört.

"Therapie ja, aber…

  • …ich muss während dessen auch noch Schule, Beruf, Fortbildung durchziehen oder mein Hobby nicht vernachlässigen."
  • …nur wenn der Therapeut genau so ist, wie ich ihn mir wünsche."
  • …nur wenn die Klinik mir alle meine therapeutischen Wünsche erfüllt."
  • …nur wenn alle Mitarbeiter auf mich so eingehen, wie ich das möchte."
  • …nur wenn die Station so ist wie ich sie mir ausmale."
  • …nur wenn ich ein Einzelzimmer habe."
  • …wenn dort Männer auf der Station sind, gehe ich sofort wieder."
  • …es müssen meine (jetzigen) Grenzen akzeptiert werden."
  • …das Essen in der Klinik muss gut sein und es muss alles wie im Urlaub sein."
  • …generell und prinzipiell nehme ich keine Medikamente – egal wie sehr ich gerade durch die Gegend pinge."
  • …alle anderen müssen sich an mich anpassen."
  • …ich mache Therapie X,Y, Z, oder A, B, C nicht."
  • …die dürfen nichts von mir verlangen und mich dadurch unter Druck setzen."
  • …die Klinik darf mir nichts sagen, dass ich nach Hause geschickt werde, wenn ich nicht mitmache. Das ist dann Erpressung."
  • …die anderen Patienten müssen mich in Ruhe lassen."
  • …nur wenn ich dabei nicht an meine Trauma erinnert werde."

Für jedes dieser 'aber' wird der jeweilige Betroffene auch eine Begründung parat haben. Für ihm mag es auf den ersten Blick absolut logisch erscheinen. Nur sind es Einschränkungen, die dafür sorgen, dass man sehr wahrscheinlich keinen Nutzen aus dem Therapieangebot zieht oder erst gar nicht mit Therapie anfängt.

Ich habe therapeutisch bereits verloren wenn ich so denke. Denn dann werde ich nichts ändern! Solange all die anderen Dinge wichtiger sind als die eigentliche Therapie, solange werde ich genau so weiter machen wie bisher. uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ sagt dazu: "Jeder wählt immer das für ihn kleinere Übel." Und scheinbar sind für diejenigen, die solche pauschalen Aussagen treffen, die Auswirkung der DIS/DSNNS nicht so übel, als dass sie lieber die unangenehme Therapie wählen würden.

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ muss an den Mann in der Wüste denken… Er hat in seinem ganzen Leben nie etwas anderes als sein gewohntes Leben gehabt. Morgens ein gutes Frühstück, Mittagessen, Abendbrot, Abends ein kühles Bier… So ein Bilderbuch-Mensch' mit dem Motto: "Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht." Nun gerät er bei einer Reise in eine schlimme Lage und landet alleine in der Wüste… Er ist zwei Tage ohne Essen und Trinken und es geht ihm entsprechend schlecht. Dann trifft er auf eine Karawane. Die Leute bieten ihm Kamelmilch und getrocknete Datteln an. Wird der Mann wohl wieder sagen: "Nein, das kenne ich nicht, das esse ich nicht?" Das wäre nicht nur sehr unvernünftig und gefährlich, sondern mit ziemlicher Sicherheit würde er annehmen und seine persönlichen Wünsche hinten an stellen. Es geht schließlich um sein Überleben. 

Geht es denn bei der Verarbeitung von Traumata letztendlich nicht auch genau um das Überleben? Wieso dort also die persönlichen Vorlieben über die Möglichkeit setzen, das Leben lebenswerter gestalten zu können?

Es geht uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ aber dennoch nicht darum, zu sagen jeder muss immer jede Form der Therapie annehmen oder durchführen. Wenn man festgestellt hat, dass man mit bestimmten Therapien besonders gut Fortschritte erzielt, dann ist es sicher sinnvoll diese Methoden auch weiter zu nutzen. Auch wenn man merkt, dass innerhalb der Therapie eine gewisse Methode nicht funktioniert, ist es OK, sich einer Alternative zu zu wenden. Aber pauschalisiert Angebote ohne eigene Erfahrung abzulehnen – und besonders wenn für den Moment keine Alternativen zur Verfügung stehen – ist mehr als nur kontraproduktiv. 

Wenn ich am Bahnhof stehe und auf ein Schiff warte um mich auf die Reise zu begeben, kann ich das gerne machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dann ans Ziel komme ist nur extrem gering. Denn ich stehe da einfach rum. Ich kann also entweder dort stehen bleiben und alles bleibt wie es ist. Oder ich nehme einen passenden Zug der zumindest in die Richtung fährt in die ich will – wohl wissend, dass es kein Schiff ist und ich nicht den Komfort haben werde den ich mir erhofft habe. Und auch mit der Wahrscheinlichkeit, dass es nur für einen Stück des Weges sein wird und ich eventuell mehrfach umsteigen muss. Oder ich gehe zum nächsten Hafen und steige in ein Schiff, ich nehme ein Taxi oder ich gehe zu Fuß. Auf all diese Arten werde ich meinem persönlichen Ziel näher kommen.

Klar steht das jedem frei, genau so weiter zu machen wie bisher – aber wenn ich mich dafür entscheide, dann muss ich konsequenterweise auch damit 'zufrieden' sein, dass sich nichts, aber auch rein gar nichts ändert und ich in meiner jetzigen Situation 'hängen bleibe', bis ich meine Einstellung ändere.

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ

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  1. I

    Das hast du gut geschrieben.

  2. M

    Melinas

    Hab grad einen Link zu diesem Beitrag gelegt – denn zu meinem morgens verfassten Blogbeitrag passte das grad so wunderbar.
    Er hat meine offenen Fragen gerade so schön beantwortet :-)
    Liebe Grüße
    Melinas

  3. V

    An sich gebe ich euch recht, jedoch nicht zu 100%.

    Es ist nicht nur schwarz oder weiß. Manchmal ist es wichtig auf das richtige Essen zu bestehen, weil auch die Intoleranzen oder Allergien extremen Leidensdruck verursachen und die Therapie unmöglich wird. Wir saßen z.B. 2 Wochen fast nur noch mit Diarrü auf dem Klo, kratzen uns wegen der Nesseln zu Tode, waren unfähig auch nur zu laufen wegen der Kopfschmerzen… und alles nur, weil die Klinik sich nicht auf unsere Probleme mit dem Essen einlassen konnte, selbst nach dem 5 Gespräch mit der Diätassistentin.

    Und Medikamente haben bei uns ähnliche Auswirkungen, man kann also nicht einfach zu allem Ja und Amen sagen.

    Auch kann man definitiv nicht mit jedem Mitpatienten auf dem Zimmer sein. Was ist wenn die einen so triggert, da man sich unterm Tisch versteckt und heult, sobald die den Mund auf tut?

    Und natürlich ist nicht jede Klinik auf DIS spezialisiert, wieso sollte man sich also nicht die Klinik aussuchen, von der man sich die meiste Hilfe erhofft?

    Oder so ne Therapeutin akzeptieren, bei der man nicht mal über den eben erlebten Flashback sprechen kann, oder die in 2 Minuten vergisst, was man gerade gesagt hat?

    Natürlich muss man sich zurück nehmen und aus der Komfortzone raus kommen, keine Frage, denn die perfekte Klinik der Träume wird es nie geben. Aber man sollte nicht alles nehmen was sich Hilfe nennt, denn so manche "Hilfe" kann auch sehr schädigend sein. Das haben wir bereits erlebt. Und nicht nur wir, selbst unsere Ärztin hat uns ans Herz gelegt nicht in xyKlinik zu gehen, da sie diverse Patienten hat, die selbst noch nach 2 Jahren nicht von dieser Klinik wieder auf den Level zurück gekommen sind, auf dem sie vorher waren, sie immer noch wegen dieser extrem leiden.

    Wir müssen aus uns aufpassen, wir dürfen nicht zulassen, dass man uns retraumatisiert oder anderweitig schädigt, nur weil wir uns Hilfe erhoffen.
    Der Typ in der Wüste, sollte lieber auf das VERGIFTETE Wasser des Gewässers verzichten, das wie eine Lebensrettung aussieht! Aber klar kann er Kamelmilch trinken, wenn er durch diese nicht auf dem Klo alle seine Wasser und Mineralien Reserven dank Laktoseintolerenz und Diarrü loss wird. Weil das ist auch lebensgefährlich wenn man schon ausgetrocknet ist! Wenn es aber echt kein Tropfen Wasser gibt, und bessere Hilfe nicht zu Aussicht steht, dann würde man selbst dieses Risiko eingehen am Ende.

    Also gesunder Menschen Verstand um Abzuwägen ist schon gefragt. Und wir dürfen auch bei der Therapie und Klinik Wünsche haben und diese auch äußern dürfen. Was nicht heißen soll, man müsste keine Kompromisse eingehen.

    Wir haben auch lange gesucht und hoffen, es wird die richtige Wahl gewesen sein. Wir haben große Angst dahin zu gehen, aber wir werden es dennoch tun, weil wir auf Hilfe hoffen. Die Angst, dass es uns mehr schadet als zu helfen, weil zu viele neue Wunden aufgerissen werden und das, wo wir jetzt schon nur noch aus dem letzten Loch pfeifen, ist die schlimmste. Dabei macht bereits der Gedanke der Reise, des Packens, der vielen Leute usw. Angst, so dass hier alle nur noch Nein schreien wollen. Doch ich weiß, dass werden wir bestimmt schaffen, vielleicht mit Hilfe anderer,vielleicht mit vielen Zuständen. Nur soll es uns aber nach der Klinik nicht schlechter gehen als vorher, sonst ist diese mehr Lebens Gefahr als keine Klinik zu besuchen.

    So manche Therapie raubt mehr Lebensqualität und ist schlimmer als wenn man keine machen würde. Manche Therapien führen erst in die Suizidalität. Und es gibt DIS Leute, die auch ohne jeglicher Therapie ihr Leben meistern, somit ist diese nicht immer Überlebens wichtig.

    Ihr merkt schon, das ist ein großes Thema für uns, denn wir haben schon viel schlimmes in Kliniken durchgemacht! Somit kann ich auch jede dieser "Ausreden" nachvollziehen. Aber nicht alles was sich nach einer Ausrede anhört ist auch eine, Manches ist wirklich wichtig und muss berücksichtigt werden.

    Tschuldigung für die unterschwellige Wut. Wie anfangs gesagt, größtenteils habt ihr ja schon Recht.

    Liebe Grüße

    • u

      uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ me schrieb extra nirgendwo von diesen berechtigten Ausnahmen wie z.B. Allergien und nirgendwo steht etwas davon, dass man zu "Allem Ja und Amen" sagen soll. Nicht umsonst schrieb uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ:

      "Es geht uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ aber dennoch nicht darum, zu sagen jeder muss immer jede Form der Therapie annehmen oder durchführen. Wenn man festgestellt hat, dass man mit bestimmten Therapien besonders gut Fortschritte erzielt, dann ist es sicher sinnvoll diese Methoden auch weiter zu nutzen. Auch wenn man merkt, dass innerhalb der Therapie eine gewisse Methode nicht funktioniert, ist es OK, sich einer Alternative zu zu wenden. Aber pauschalisiert Angebote ohne eigene Erfahrung abzulehnen - und besonders wenn für den Moment keine Alternativen zur Verfügung stehen - ist mehr als nur kontraproduktiv."

      Wie ihr unsere Aussage so schön zusammenfasst:

      "Also gesunder Menschen Verstand um Abzuwägen ist schon gefragt."

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