Therapie

Nicht denken können

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Es hört sich doof an, wenn ich schreibe, dass ich nicht denken kann. Richtig ist, ich kann nicht mehr so denken, wie ich es aus meinem bisherigen Leben kenne. Ich habe immer mit Stimmen gedacht. Wenn ich etwas dachte, bekam ich im Innen entweder ein Zustimmen, ein 'Ist mir doch egal" oder eine massive Gegenposition zurück gemeldet. Nur ganz, ganz selten war da einfach nur Stille. Und damit dann umzugehen ist mir immer ziemlich schwer gefallen.

Und nun ist es genau diese eine andere Art Stille, mit der ich einen Umgang erlernen muss (aber auch möchte). Sie ist nicht beängstigend, wie die frühere Stille, aber sie ist extrem ungewohnt. Die Aussage: "Ich kann keinen klaren Gedanken fassen", ist wohl ungefähr das, was ich mit 'ich kann nicht denken' meine. So zumindest habe ich es mir mit dem Thera, dem Psycho-Doc und der Shiatsu-Tante erarbeitet. Meine Gedanken waren meistens laut und deutlich zu hören in mir. Jetzt nicht. Sie sind so still, dass es für mich so ist, als ob ich sie nicht festhalten kann. Wenn ich rede, merke ich, dass der Gedanke direkt in diesem Augenblick zum Wort wird und ich ihn dann begreifen kann. Das Gleiche schaffe ich auch beim Tippen. Ich tippe so schnell wie ich denke, lese den getippten Gedanken und kann ihn begreifen (Ob es bei der Handschrift auch so ist und ich dann langsamer denke, da ich nicht so schnell schreiben kann, habe ich noch nicht ausprobiert).

Für den Moment kann ich mir so behelfen. Wie meine Frau so nett sagte: "Och, kein Problem wenn du so viel redest… da drüben ist dein Computerzimmer und die Tür kann man zu machen." Ich liebe sie – erwähnte ich das schon mal? ♥

In einem Chat mit Vergissmeinnicht kam der Kommentar auf, dass sich das alles nicht so erstrebenswert anhört. Ich antwortete: "Ich bin nur ehrlich… Ungewohnt? Ja, total. Nicht so wie vorher? Absolut nicht. Schlecht? Nein! Es ist so wie es ist, gut. Jemand der von Geburt an blind ist und durch eine OP nun Umrisse sehen kann, muss sich auch erst daran gewöhnen. Er muss lernen sich zu orientieren, mit der Helligkeit klar zu komme oder ähnliches. Er wird eventuell nicht so gut sehen wie jemand, der sehend geboren wurde. Aber er wird das sehr wahrscheinlich nicht als schlecht empfinden. So ist das hier auch. Das, was gerade vorgeht, kenne ich nicht. Es ist neu, ungewohnt und ich werde erst einen vernünftigen Umgang damit finden müssen."

Der Psycho-Doc bemerkte im Gespräch, dass es zwar nicht genau das Selbe sei, aber durchaus auf mich ummünzbar: "Die Psychologie kennt aus der Geschichte viele Berichte von Personen die ihre Gedanken laut aussprachen. Und auch beim Lesen war es über lange Zeit Standard laut zu lesen. Es war so ungewöhlich, leise zu lesen, dass in der Literatur von einem Mönch im Kloster berichtet wurde, der in der Lage war die Liturgien zu Lesen ohne ein Wort zu sprechen und sie dennoch verstand. Und es gibt in der Beschreibung von Homer, in alten Philosophen sowie in der Psychologie immer wieder die Darstellung der inneren lauten Dialoge mit sich selbst. Ja, Dialoge, nicht Monologe. Denn beim Monolog wird nicht geantwortet. Die Fähigkeit in dieser Art zu denken ist nicht auf Multiple beschränkt. Der Multiple erkennt den Dialog nur nicht als einen mit sich selbst, sondern versteht ihn als einen Dialog mit anderen Persönlichkeiten. Die Fähigkeit so zu denken ist ihnen nicht abhanden gekommen."

Ich übe nun also auf der Basis dessen, was ich mit der Shiatsu-Tante erörtert habe. Anstatt mir Gedanken darüber zu machen, wie ich das bloß hinbekommen soll, halte ich mir ein paar Sprachbilder vor Augen, die wir gemeinsam besprachen.

Wenn jemand das Eis auf dem See, die kalten Temperaturen und den Schnee liebt, dann vermisst er diese Dinge, wenn das Frühjahr kommt, weil er diese Dinge dann nicht mehr sieht. Wenn versteht, dass alles weiterhin um ihn herum da ist – der See, das Wasser und die Temperatur der Sonne – und sich dann bewusst macht, dass er nicht wirklich etwas tun muss, um das Eis, die kalten Temperaturen und den Schnee wieder zu sehen, dann kann er ohne Traurigkeit auf die Zeit warten, wenn der Schnee wieder zu sehen ist. Es kann also ein Warten in Vorfreude sein.

Wenn ein großer Öltropfen auf der Wasseroberfläche in einer geschlossenen Petrischale schwimmt, das ganze kräftig geschüttelt wird und das Öl-Auge in schier endlose kleine Tropfen zerfällt – was muss man dann tun um wieder ein ganzes Öl-Auge zu erhalten? Warten. In Ruhe warten. Es wird wieder ein Öl-Auge entstehen, wenn man nicht andauernd herum schüttelt und die Petrischale ungeduldig hin und her dreht. Die kleinen Tropfen werden sich nicht wieder genau an der gleichen Position befinden wie vor dem Schütteln. Aber sie ergeben wieder ein Öl-Auge, dass aus allen kleinen Tropfen besteht und exakt die gleichen Eigenschaften aufweist. Mache ich mir also bewusst, dass alle Teile des großen Öltropfens die ganze Zeit da waren und das in dem neu entstanden Öl-Auge auch alle kleinen Tropfen vorhanden sind.

Alles Denken, alles Fühlen, alles Wissen, alles an Fähigkeiten ist weiter da. Es ist alles da, es ist alles weiter Teil von mir. Es war eines, es wurde getrennt, es ist wieder eines. Es waren Erinnerungen, Emotionen, Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale vorhanden in mir. Sie wurden durcheinander geschüttelt und auseinander gerissen. So dass viele kleine Öl-Perlen entstanden. Die Persönlichkeitsmerkmale haben sich wieder zusammengefügt. Fast alle Erinnerungen haben sich wieder zusammengefügt (Das von den Fachleuten als normales Vergessen bezeichnete mal ausgeklammert). Viele Emotionen sind in mir vereint. Und die Fähigkeiten, die gerade nicht für mich im Zugriff sind, werden sich ebenso anfügen.

Letztendlich muss ich also nur die Ruhe bewahren und warten, denn die Dinge, die mich in der Vergangenheit dazu bewegt haben meine 'Petrischale' immer wieder mit den Worten zu schütteln: "Nein! Das darf so nicht sein!", sind passee.

Ja, es ist ungewohnt. Es ist neu. Aber ich empfinde es in jedem Moment mit all seiner Bewegung und Veränderung dennoch als gut. Ich werde mich in einem vernünftigem Umgang mit meiner 'Petrischale' in Geduld üben und beobachten, wie sich alles wieder zusammen fügt.

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  1. ?

    ? Jemand von hier

    Möchte dir ganz herzlich für deine Offenheit und die Möglichkeit der Teilnahme an den Veränderungen danken!! Danke das du es so beschreibst wie es ist, mit dem was gut und schön ist, aber auch ehrlich sagst was für dich nun ungewohnt und erstmal komisch ist. Es ist schön so ehrlich zu lesen was du erlebst. Und das es nicht eine – jetzt ist alles supi tutti toll – Pseudo Beschreibung ist. DANKE!

    • u

      Oh, dein Kommentar freut mich gerade besonders. Nein, es ist tatsächlich eine ziemliche Herausforderung – nicht so katastrophal wie ich befürchte, aber dennoch sehr anstrengend. Und ja, ich mache mir Gedanken darüber, ob ich 'die Ruhe bewahren' kann, die wohl für die weiteren Dinge notwendig sind. Ehrlich gesagt bin ich erstaunt, dass mir das bisher so gut gelingt…

  2. I

    Ich bin froh, dass du dir diese Sprachbilder erarbeiten konntest. Diese bringen oft mehr als ein einfaches: daran wirst du dich gewöhnen, lass dir Zeit.

  3. M

    Maryla Leopold

    Hallo,
    Ich danke dir für die klaren Worte. Ich finde das was du schreibst bzw. angedeutet hast in mir wieder. Diese inneren Gespräche kenne ich und bei mir wird es in letzter Zeit immer mehr. Für mich ist ein Anteil sehr präsent und das nicht wenig. Manchmal hab ich das Gefühl das dieser Anteil von mir Besitz ergreifen will.

  4. S

    Sue

    Hmm, der Gedanke mit der Petrischale bringt mich zum Nachdenken. Vielleicht hatte der rothaarige Drache doch nicht so viel Unrecht…

    Chaos im Kopf.

    Ich muss nachdenken.

    Danke für deinen Blog.

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