Therapie

Integration & Fusion

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Ich habe diesen Beitrag ursprünglich passwortgeschützt im Dezember 2017 veröffentlicht und im Zuge meiner Weges auf Privat gestellt gehabt. Ich wusste, dass ich diesen Beitrag nochmal in überarbeiteter Form veröffentlichen wollte. Warum war eine Überarbeitung notwendig? Vieles in meinem eigenen Verständnis hat sich auch Rückblickend betrachtet geändert. Des Weiteren habe ich gewisse Informationen erst später recherchiert. So kommt es nun dazu, dass dieser Beitrag zu einem Rückblick auf meinen Werdegang und mein Verständnis wurde, den ich auch gerne öffentlich zeige.

Seit 2009 hat uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ in der Therapie gearbeitet. Zu Beginn war faktisch keine geordnete Kommunikation im Innen möglich und die Therapien waren recht 'einfach' gehalten. Ab 2012 ging es dann ans 'Eingemachte'.

Dabei war uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ sehr schnell klar, dass einige Schritte nötig sind, um eine Innenkommunikation aufzubauen. Mir war dabei aber nicht klar, dass die Therapeuten trotz aller individuellen Herangehensweise eine Art Fahrplan haben. Dieser Fahrplan ist aber absolut logisch nachvollziehbar und wahrscheinlich auf viele Betroffene von DID/DIS, DDNOS/DSNNS oder ESD anwendbar. Zumindest theoretisch ist dies ein Weg, der als Grundlage verwendet werden kann.

  • Phase 1: Sicherheit, Stabilisierung und Reduktion der Symptome und lernen das eigene Verhalten zu interpretieren
  • Phase 2: Konfrontation oder Erarbeiten sowie Annahme & Integration von traumatischen Erinnerungen und Geschehnissen
  • Phase 3: Integration der Identitäten (Kommunikation & Zusammenarbeit) und/oder Fusion der Identitäten (Vereinigung) und sowie Rehabilitation

Wichtig ist hierbei anzumerken, dass die Phasen nicht stumpf hintereinander angearbeitet werden, sondern es fließende Phasen sind. Das heißt, dass es durchaus normal ist, dass man in Phase 2 ist und dann wieder eine Zeit lang in Phase 1 braucht um sich zu stabilisieren und dann für ein weiteres Geschehen wieder in Phase zwei zu gehen. Auch aus Phase 3 kann man durchaus wieder mal zurück in die Phase 2 oder 1 müssen um dann nach einiger Zeit wieder in Phase 3 weiter machen zu können.

Tatsächlich hat uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ diesen Weg (für mich unbewusst, aber offensichtlich von den Therapeuten gewollt) eingeschlagen.

Zu Beginn (Phase 1) ging es immer wieder darum, das Sicherheitsgefühl zu stärken und dadurch weniger dissoziative Zustände zu haben. Dieser Teil dauerte bei uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ gut 3 Jahre – mit vielen Wochen intensiver, stationärer Therapie und dazu ambulanter Psychotherapie. Durch die individuelle Situation ist es gegeben, dass Therapie von verschiedenen Therapeuten parallel durchgeführt wird. Dabei ist eine Team aus Ärzten, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten und Betreuern mehrfach wöchentlich begleitend und therapierend mit uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ tätig. Es lief alles andere als rund. Oft genug hatte ich das Gefühl uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ würde nur noch dissoziieren. Im Laufe der Zeit lernte ich die einzelnen hier im Innen kennen und miteinander zu kommunizieren. Aus einzelnen, umherspringenden Weltenreisenden wurde eine Art gesellschaftlicher Verbund mit dem Namen "Unsereins". Und dieser Name zeigte direkt an, was wir erreichen wollten – ein miteinander. Nicht dass irgendjemand von uns gewusst hätte, wie dieses "Miteinander" tatsächlich funktionieren könnte… oder auch nur eine Ahnung davon gehabt hätte.

Die Phase 2 dauerte bis 2018. Es tat höllisch weh, sich mit den verschiedenen Traumata auseinander zu setzen und zu akzeptieren, dass all dies dem Körper – und damit mir – tatsächlich geschehen ist. Die Konfrontation – bei einigen Traumata sehr direkt und auf harte Weise, bei anderen sehr langsam und vorsichtig – ist immer wieder eine Herausforderung gewesen. Und oft genug war gerade ich derjenige, der am Liebsten abgebrochen und aufgegeben hätte. Doch mit der Geduld des betreuenden Teams ging es immer wieder ein Stück weiter. Und immer wieder waren 'Auszeiten' in Phase 1 notwendig.

Mein Therapeut sagte mal: "Angst hat keine Ausdauer". Und tatsächlich, der Abwehrmechanismus gegenüber traumatischen Erinnerungen verliert an Bedeutung, je mehr sich uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ mit den Traumata auseinander setzte. Nein, auch das ist nicht mal eben, sondern ebenfalls ein Prozess von Jahren. In einem Vorgespräch für einem weiteren Klinikaufenthalt kam zur Sprache, dass viele der Traumata sich nicht mehr so schlimm auswirken, bzw. die Trigger wesentlich schwächer geworden sind. Mit einigem stolz konnte ich darauf verweisen, dass Nebel wesentlich harmloser geworden ist und dass auch gewisse Tatorte mittlerweile recht "neutral" gesehen werden können. Dann fragte die Ärztin: "Und was ist, wenn nun am Tatort Nebel ist?" *BUMM* Tatsächlich die Kombination wäre damals noch ein Problem gewesen.

Also habe ich daran gearbeitet. Intensiv. Jedes mal, wenn Nebel aufkam, bin ich raus gegangen und habe so tatsächlich den Druck von gut 20 auf unter 10, ja sogar bis auf 5 reduziert bekommen (Belastungsskala von 0-100). Das bedeutete, dass uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ wieder etwas mehr Ressourcen frei hatte. Dem Wissen und den Emotionen nach, sind uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ nun alle Traumata bekannt. Ebenso die 'drei Ts' – Täter, Tatorte, Trigger. Und viele Dinge hatten da bereits fast vollständig ihre Gefährlichkeit verloren.

Irgendwann kam dann ein Thema auf, dass bis dahin ganz weit weg geschoben wurde: Fusion der verschiedenen Persönlichkeiten.

Genauer gesagt kam zuerst der Begriff Integration auf. Damals kannte ich noch keinen Unterschied zwischen diesen beiden Wörtern. Und so ergab es sich, dass ich Integration als Fusion verstand. Und offensichtlich geht das auch vielen 'Fachleuten' so. Die Expertenempfehlung zur Behandlung von DIS weißt jedoch einen Unterschied aus:

Die Verwendung von Begriffen wie „Integration“ und „Fusion“ ist bisweilen unklar und irritierend. Integration ist ein weitgreifender, dauerhafter Prozess, der sich auf die gesamte Arbeit mit dissoziierten mentalen Funktionen bezieht. R. P. Kluft (1993a, S. 109) definiert Integration als „[einen] langwierigen Prozess, in dessen Verlauf alle Aspekte der dissoziativen Gespaltenheit rückgängig gemacht werden, der schon lange, bevor eine Reduktion der Anzahl oder Eigenständigkeit der Persönlichkeitsanteile erkannt werden kann, beginnt. Der Prozess läuft weiter, während die Anteile anfangen zu fusionieren, und er läuft auf einer tieferen Ebene sogar dann noch weiter, wenn die Persönlichkeitsanteile zu einer Person geworden sind. Sie [die Integration] beschreibt einen laufenden Prozess, der in der Tradition der psychoanalytischen Sichtweise für eine strukturelle Veränderung steht.“ Fusion dagegen bezieht sich auf einen Zeitpunkt, zu dem sich zwei oder mehr Persönlichkeitsanteile als zusammengehörig fühlen und ihre Eigenständigkeit völlig ablegen. Abschließende Fusion (engl. final fusion) steht für den Zeitpunkt, an dem sich die Selbstwahrnehmung des Patienten verändert – vom Gefühl vieler Persönlichkeitsanteile zu einem einheitlichen Selbst.

Expertenempfehlung (Seite 39)

Auch Claudia Igney stellt dieses Verständnis im Vortrag 'Vom Wir zum Ich' deutlich heraus, obwohl sie beide Begriffe im Integrationsprozess parallel nutzt.

Das Thema Integration kam schon irgendwann am Anfang der Therapie auf und löste starke Ängste aus. Damals gelang es dann letztlich für Ruhe zu sorgen, indem ich klar stellte, dass ich zu jedem Einzelnen stehe und niemanden weg haben möchte. Auch ich folgte somit der 'falschen' Annahme, Integration und Fusion sei das Gleiche.

Da dieses Thema nun so präsent ist bei uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ war, blieb es nicht aus, dass ich mich damit auseinandersetzen musste. Schließlich wollte ich gut auf uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ achten. Also begann ich zu recherchieren und stieß auf ein Handout in Bezug auf Therapienmöglichkeiten von der Privatdozentin Frau Dr. med. Ursula Gast auf der Webseite der Luzerner Psychiatrie (Handout von 2016, PDF).

Sie schreibt, dass der Prozess der Integration bedeutet, dass die einzelnen Anteile sich allmählich annähern und ihre Erfahrungen und Eigenheiten schließlich so intensiv miteinander teilen, dass ein kohärentes Selbstempfinden entstehen kann. Ihrer Auffassung nach ist es für Patienten mit extremen Traumatisierungen eine vollständige Integration (und meint hier offensichtlich Fusion) aller Persönlichkeiten häufig nicht möglich. Stattdessen kann hier eine bessere Kooperation der Anteile untereinander erreicht werden (das entspricht der Integration).

Dies ist auch ein Punkt, den uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ immer so gesehen hat: Wenn Einzelne Fusionieren möchten ist es in Ordnung. Es können eventuell nicht alle fusioniert werden. Und wenn das uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ nicht wünscht, ist dem halt so. Aber die Zusammenarbeit zu verbessern (Integration) war immer ein Ziel.

Trotz dessen, dass uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ, letztendlich dachte die Konzepte der Integration und Fusion zu verstehen und dies auch als guten Weg sah, ist es nun einmal ein Unterschied, ob man für die Allgemeinheit darüber schreibt, oder ob ich es selbst anwenden soll.

Zusätzlich zu diesem Artikel habe ich bei Sidran.org einen Artikel von Rachel Downing gefunden. Und da für unsereins Sprachen ja kein Hindernis sind, wurde dieser englischsprachige Artikel aus dem Jahre 2003 regelrecht verschlungen. Rachel Downing bezeichnet sich selber als eine voll integrierte (und meint fusionierte) Person (die füher DID/DIS hatte) und ist ausgebildete Therapeutin (LCSW-C – Licensed Certified Social Worker-Clinical). Sie beschreibt in dem Artikel die Gründe für und gegen eine Integration (Fusion) und wie diese sich ausgewirkt hat. Zusätzlich erwähnt sie, dass ihre finale Integration (gemeint ist wieder die Fusion) über einen Zeitraum von drei Monaten geschah und auf einer Reihe von Entscheidungen und Änderungen in der Therapie beruhte. Doch ihre erste Integration (Fusion) geschah bereits drei Jahre vorher. Insgesamt benötigte sie 11 Jahre um ihren Weg zu gehen.

Rachel Downing beschreibt die Integration (und meint offensichtlich Fusion) mit einer ihrer Persönlichkeiten auf leicht verständliche Weise: "Ich akzeptierte all ihre Gedanken und Gefühle, ließ es zu, dass die dissoziative Barriere sie von mir getrennt hielt sich löste und brachte sie in das normale Bewusstsein. Ich war weiterhin in der Lage (das zu tun, was sie vorher mit Freude tat) und lernte ihre traumatischen Erinnerungen auf eine neue Art zu handhaben. Ich habe dies nicht als Tod oder Vertreibung empfunden. Ich habe es als volle Akzeptanz von ihr/mir wahrgenommen."

Faktisch alles was ich dort gelesen hat spiegelt mein Empfinden und unsere Wahrnehmung wieder. Mir wurde dadurch klar, dass es eben nicht einfach *PLOPP* macht und dann ist man fusioniert. Es ist in meinem Verständnis ein übergangsloser Prozess. Phase 2 muss nicht abgeschlossen sein um bei Phase drei zu starten. Erst durch die Beschreibung in diesem Artikel wurde mir bewusst, dass uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ bereits Geschehnisse aus Phase 3 miteinander erlebt hat.

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ benannte es damals als "zur Ruhe kommen". Damit beschrieb uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ den Umstand, dass sich Einzelne so sicher fühlten, dass sie mir ihr Wissen, ihre Emotionen und ihre Fähigkeiten nicht mehr verschlossen. Sie überließen es mir, diese Dinge abzurufen und durchzuführen. Und ich war bereit diese Aufgaben zu übernehmen. Mit all der Leidenschaft und Freude, die sie selbst dabei an den Tag gelegt haben. Und ja, es ist seitdem ein ganz anderes erleben dieser Dinge für mich gewesen.

Mir war aber zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass dies dem entspricht, was als 'Integration' bezeichnet werden kann.

Erst durch das Erkennen der Unterschiede zwischen Integration und Fusion wurde es mir möglich die Angst vor der Integration zu verlieren und die Fusion nur als einen möglichen weiteren Option in der Phase 3 zu sehen.

Dadurch konnte ich die Zusammenarbeit immer weiter verbessern und letztendlich Stück für Stück das erreichen, was heute der Fall ist.

Als es im Januar 2018 zur ersten Fusion kam, war dies bei mir mit extrem vielen Emotionen verbunden. Ich war regelrecht überwältigt, mit einem ganz warmen, wohligen und dankbaren Gefühl, dass mich zu Tränen rührte. Jede weitere Fusion war ebenfalls von diesem Gefühl der tiefen Dankbarkeit und einer folgenden inneren Ruhe geprägt. Und das, was in der Expertenempfehlung dargelegt wird, kann ich nur bestätigen: Integration ist ein fortlaufender Prozess, der mit teilweisen Fusionen nicht endet. Erst mit vollständiger Fusion ist auch die Integration abgeschlossen und es beginnt ein Leben mit einem ganz neuen Selbstverständnis.

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ

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  1. S

    Danke für diesen sehr interessanten Beitrag und deine persönlichen Erfahrung.

  2. B

    Birke E. von ZEiTENMOSAiK

    Was heißt: "Therapie war recht einfach gehalten" die ersten Jahre? Und was verstehst du unter "Sicherheitsgefühl stärken"? Ging es um äußere Sicherheit? (Die noch nicht gegeben war?)

    • u

      Mit Recht einfach meine ich allgemeine Psychotherapie (VT). Es ging um aktuell belastende Themen, nicht um die Vergangenheit. Und schon gar nicht ins Detail.

      Sowohl innere, als auch äußere Sicherheit. Damit meine ich, dass viele Dinge aus dem Außen unnötigerweise im Innern Unsicherheit auslösten. Und diese Dinge zu erkennen war ein wichtiger Faktor.

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