Therapie

Das Equi­li­b­ri­um

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Am 15.08.2017 schrieb ich den Beitrag über das Wort

Equilibrium

Damals ging mir dieses Wort nicht aus dem Sinn. Nicht dass das Wort an sich unbekannt gewesen wäre. Aber dieses Wort tauchte eigentlich nur aus zwei Quellen auf. Zum Einen im Zusammenhang mit den sehr faszinierenden Fähigkeiten von Equilibristen, zum Anderen mit dem Film Equilibrium.

Im Rahmen der therapeutischen Arbeit kam allerdings die Bedeutung des Wortes hervor, die irgendwo in den Datenbanken des Systems abgespeichert war. Und diese Bedeutung ist eben nicht so negativ behaftet wie der Film es darstellt.

Das Wort lautet im französischen équilibriste, stammt aber aus dem lateinischen und setzt sich aus den zwei Begriffen aequus – was "gleich" bedeutet und libra – was "Waage" entspricht, zusammen.

Demnach bedeutet Equilibrium soviel wie "Gleichgewicht" oder "Balance", könnte aber auch mit "in Waage", "Ausgeglichen" oder "Harmonie" übersetzt werden.

Der Begriff Gleichgewicht wird auch mit auch innerer, seelischer Ausgeglichenheit in Verbindung gebracht. Die meisten kennen wohl die Aussage: "Sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen" und wissen, dass damit ein inneres ruhig bleiben gemeint ist.

Als die mir über Jahre bekannte Innenkommunikation nach der vollständigen Fusion nicht mehr möglich war, war mein inneres Gleichgewicht massiv gestört und ich musste wirklich stark 'rudern' um nicht direkt wieder in alte Muster zu kippen. Nicht weil sie damals schlecht gewesen wären, sondern einfach, weil ich sie jetzt nicht mehr verwenden möchte.

Der Grund für diese Instabilität war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich ’nur' die Stille im Kopf. Früher waren es viele andere – alltägliche – Dinge, die mich schnell aus dem Gleichgewicht brachten. Ich konnte mich in solchen Alltagssituationen oft nicht abgrenzen und mich nur schwer wieder auspendeln. Und nur weil ich nun fusioniert bin, waren diese Belastungen nun nicht einfacher zu handeln. Es war sogar schwieriger, denn mein 'altbewährtes' Handlungsmuster war nicht mehr 'angesagt'. Ich hatte für mich definiert, dass ich radikal alle Innen als Teil von mir akzeptiere – egal ob ich sie 'toll' fand oder '*piiiiiieeeeeep*'. Und das bedeutete, dass ich für mich vieles änderte.

Ich musste mir also erneut die Frage stellen: "Wie kann ich zur Ruhe kommen?"

Durchatmen. Auf etwas Positives konzentrieren. Warten. Nochmal warten. Wieder von vorne. Einmal, zweimal, ein drittes Mal wiederholen. Aufschreiben, was alles 'gemanagt' werden muss. Dann wieder durchatmen. Wieder auf Positives konzentrieren. Warten. Nochmal warten. Wieder von vorne. Einmal, zweimal, dreimal wiederholen. Pausieren. Diesen Tag abhaken. Das Aufschreiben war genug Arbeit.

Nächster Tag. Durchatmen. Auf etwas Positives konzentrieren. Warten. Nochmal warten. Wieder von vorne. Einmal, zweimal, ein drittes Mal wiederholen. Das aufgeschriebene durchlesen. Dann anfangen zu priorisieren. "Was kann ich beeinflussen, was muss 'ausgesessen' werden?". Durchnummerieren. Wieder auf Positives konzentrieren. Warten. Nochmal warten. Wieder von vorne. Einmal, zweimal, dreimal wiederholen. Pausieren. Diesen Tag abhaken. Das war genug Arbeit.

Dritter Tag. Durchatmen. Auf etwas Positives konzentrieren. Warten. Nochmal warten. Wieder von vorne. Einmal, zweimal, ein drittes Mal durchführen. Das Erste auf der Liste angehen. Rest: nächster Tag.

Erst bei dieser Betrachtung ist mir aufgefallen, dass es nicht wirklich anders war als in den Monaten und Jahren vor der Fusion. Diese Herangehensweise half mir früher – und sie hilft mir auch jetzt. Ich habe dies für mich Positive beibehalten. Der Unterschied ist, dass ich es jetzt nicht mehr mit zig anderen ausdiskutieren muss, sondern in der Priorisierung schneller vorankomme. Ich trage ja aber weiter alle emotionalen und charakterlichen Wesenszüge in mir und das führt dazu, dass ich mich nicht einfach pauschalisiert im Gleichgewicht befinde. Es ist ein anderes ausbalancieren.

So wie eine Gruppe Equilibristen natürlich anders ausbalancieren muss als ein Equilibrist, der als Solo-Künstler aktiv ist.

Das Ziel, wieder ausgeglichen zu sein, erreiche ich durch die Konzentration auf – durch die Fusion zusammengefügten – Fähigkeiten und Werte tatsächlich schneller als bisher. Und da meine Einschätzung, was ich leisten kann und was über meine Grenzen hinausgehen würde nun auch nur noch mit einer 'Brille' sehe, passiert es seltener, dass ich unbewusst diese Grenzen überschreite.

Das 2017 gefundene Wortgebilde, dass mir damals half mich daran zu erinnern, das alle Teile in gleichem Masse berücksichtigt werden müssen., hilft mir jetzt, meine Charaktereigenschaften ausbalanciert einzusetzen…

equilibrium_wort

SACHLICH-EMOTIONALE AUSGEGLICHENHEIT

Wichtig ist mir hierbei, zu verdeutlichen, dass es nicht um eine Abgestumpftheit geht. Es geht dabei darum Sachliches und Emotionales in Einklang miteinander zu bringen. So dass weder totale Emotionslosigkeit noch totaler Mangel an sachlicher Kompetenz den Alltag bestimmt. Es ist eine Balance, die ich für mich anstrebe, die nicht starr ist. Ein Equilibrist ist auch nicht starr – er bewegt sich, balanciert aus, bis er die Harmonie für sich findet in der er sein persönlich Bestes erreicht. Ist das leicht für den Equilibristen? Sicher nicht. Aber es ist seine freie Entscheidung diesen Sport auszuüben.

So passiert es auch mir, dass ich mal in die eine und dann wieder in die andere Richtung pendele. Und dann auch wieder Konzentration brauche und Anstrengungen unternehme um wieder in mein persönliches Gleichgewicht zu gelangen. Aber gerade dieses hin und her Schwingen und wieder ausgleichen macht ja auch das Leben aus, dass ich führen möchte.

Gleichgewicht
Basierend auf einem Foto von Yogendra Singh auf Pexels

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ

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  1. B

    Birke E. von ZEiTENMOSAiK

    Darf ich etwas zu folgendem Satz fragen? "Ich hatte für mich definiert, dass ich radikal alle Innen als Teil von mir akzeptiere"… Wie sehr fühlte sich dieses, dein, Ich als ein eigenes Ich, als es das beschloss? War das ein denkender Entschluss, wissend, es ist so oder fühlte dies Ich sich auch als Ich mit eigenen Grenzen? Ich habe das Gefühl, ich weiß (noch) nicht, wer dies hier bei uns so definieren könnte… Stimme der Aussage total zu, nur fehlt mir ein ICH-Gefühl, um diese Entscheidung so treffen zu können

    • u

      Natürlich darfst du fragen. Es war ein fließender Entschluss. Nachdem die ersten (sog. teilweise Fusion) Fusionen stattgefunden hatten – mit den Innens die ich als angenehm, toll, hilfsbereit, wärmend usw. empfand… Es war ja auch nie die Entscheidung gegen die anderen Innens sondern vielmehr mit ihnen. Aber ich musste halt die Bereitschaft dazu signalisieren… und erst als ich meine 'Aber’s ablegte, konnte sich der Rest zusammenfügen… Keine Ahnung ob das deine Fragen beantwortet, aber anders kann ich es jetzt gerade nicht darlegen :D

    • u

      Um noch einmal ein wenig darauf einzugehen:

      Ich hatte ein "ich Gefühl". "Ich", war der Typ, der verheiratet ist und einen Sohn hat. Das war es dann schon ^.^ Ich konnte eher ausklammern, was damals alles "nicht ich" war als zu beantworten wer ich im Detail bin.

    • u

      Aber ich hatte dieses Ich-Gefühl nicht immer. Bis zu meinem ~36. Lebensjahr gab es kein Ich-Gefühl. Es war ein "Ich bin da" vorhanden, aber was mich ausmachte war mir nicht klar. Auch in den ersten Jahren der Therapie war es kein Ich-Gefühl, sondern ein 'Wir-Gefühl', was da war. Ich musste mir das 'Ich' in Verbindung mit dem Wissen was mich ausmacht und wie ich mich anderen gegenüber abgrenze auch erst finden – bzw. es mir erarbeiten.

  2. d

    Das ist total spannend, das so von dir zu lesen, wie sich das verändert hat.
    Bei mir sind auch schon einige Teile inzwischen integriert/haben sich aufgelöst.
    Und es fühlt sich "ganzer" an. Das klingt doof, aber es fühlt sich schon jetzt nicht mehr so zerfasert und durcheinander an, wie das in der Anfangszeit war.

    Dass das aber jetzt auch noch so anstrengend ist, weil du plötzlich alleine bist und nicht mehr im Innen mit anderen diskutieren kannst/musst, stelle ich mir auch schwierig vor. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass in meinem Kopf mal irgendwann Ruhe ist. So gar keine Stimmen mehr.

    Wie merkst du denn, dass deine Grenze erreicht ist? Bzw. was ist heute anders, dass du es schneller merkst?

    und Birkes Frage finde ich auch sehr interessant und bin gespannt auf deine Antwort. :)

    • u

      Also der größte Unterschied ist meiner Meinung dadurch gegeben, dass ich bei Belastungen nicht einfach switche. Wenn etwas zuviel wird, rutsche ich langsam in eine Dissoziation. Dadurch habe ich Zeit in aktuellen Situationen zu reagieren und mich zurück zu nehmen. Mittlerweile mit einem einfachen: "Ich kann jetzt leider nicht mehr, aber ich mache das/kümmere mich/melde mich, so schnell wie möglich und gebe dann Bescheid."

      Auf die Gesamtbelastung bezogen, die so über einen Tag/eine Woche/einen Monat entsteht, nehme ich mir öfter die Zeit Atemübungen zu machen und dann Dinge, die ich nicht weiter beeinflussen kann einfach laufen zu lassen ohne mir da weiter einen Kopf drum zu machen. Nein, das gelingt nicht immer und auch nicht immer sofort :D

      Bezüglich der Ruhe im Kopf noch: Selbst jetzt ist es noch ungewohnt und ja, das ein oder andere Mal mit Schwierigkeiten verbunden.

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