Therapie

Alters- & Gesundheits-angemessen

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Boah! Manchmal geht mir mein Thera ja schon so richtig auf den Sender! Ja, ich hatte gestern seit gefühlten 'Ewigkeiten' mal wieder wirklich ’null Bock' auf Therapie. Und seine Aussage hat es nicht gerade besser gemacht.

Sie müssen halt auch Alters- & Gesundheits-angemessene Betätigungen für sich finden. Auch Sie werden älter.

Psycho-Thera

Grummel – Das sagt mir ein Therapeut, der älter ist als ich…

Vor Allem: Was bitte ist in meinem Fall Alters- & Gesundheits-angemessen?

Da hatte er natürlich keine Antwort für parat. Das ist nicht hilfreich! Und mir zu sagen, dass es normal ist, dass das Leben enorm viel Kraft kostet – egal ob man Uno oder Multi (in welcher Therapiephase auch immer) ist… macht es irgendwie auch nicht besser…

Ja, ich merke total, wenn etwas belastend ist und Kraft kostet. Früher bin ich dann fast immer dissoziiert und irgendwer hat irgendwie weiter gemacht. Wenn ich dann wieder etwas mitbekommen habe was alles 'erledigt' und ich kam mir nicht wirklich ausgepowert vor. Das da dennoch massiver Raubbau am Körper betrieben wurde ist mir schon klar. Aber jetzt komme ich mir total ausgepowert vor. Ja, ich schaffe viel im Alltag und bekomme alles bewusst mit. Und offensichtlich merke ich einfach intensiver wie viel Energie ich mit gleicher ähnlicher Leistung verbrauche. Früher habe ich es über die Jahrzehnte nicht bewusst wahrgenommen, sondern je niedriger mein Energie-Pegel war, desto häufiger wurde alles um mich herum ausgeblendet.

slowmojones

Ich weiß also, dass es daran liegt, wie unkontrolliert ich meine Energie verbrate. Das hat es auch früher ganz oft. Aber früher war es mir 'Schnuppe', 'Wurscht'… egal. Jetzt nicht mehr. Ich komme mir im Moment vor wie ein alter Opa…


Gestern hatte ich im Übrigen eine TV-Serie gesehen, in der es um einen Blinden ging, der durch eine OP zumindest wieder Licht und Umrisse erkennen konnte. Er war damit total unzufrieden, weil er sich erhofft hatte, dass er durch die OP genau so sehen könnte, wie ein ’normaler' Mensch. Er war so frustriert, dass er sogar versuchte, sich die Augen herauszuschneiden. Erst durch eine andere Person wurde ihm klar, dass es dennoch ein neues Leben war, dass er nun begann und ihm dadurch mehr Möglichkeiten offen standen als bisher.

Ich musste darüber ganz schön nachdenken. Ich habe mir im Vorfeld nicht wirklich Gedanken gemacht, wie sich eine vollständige Fusion auswirken könnte. Wieso sollte ich auch? Es war nichts, was ich von Anfang an im Blick hatte oder worauf ich gezielt hingearbeitet hätte. Rückwirkend betrachtet habe ich mir aber in dem Moment wo ich in der Lage war alles und jeden für mich anzunehmen, schon erhofft (?), dass alles so weiter gehen würde wie im Rest meines Lebens und ’nur' die Stimmen und Wechsel wegfallen würden. Also so, dass ich Quasi den Jackpot ziehen würde und alle Schwierigkeiten weg wären.

Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich als zusammengesetzter Multi meine Grenzen anders wahrnehmen würde. Ich habe das nie vorher im Leben, wie sollte ich es mir also vorstellen können? Nicht, dass ich so unzufrieden wäre wie der in der Serie dargestellte ehemals Blinde. Im Gegenteil, ich bin sehr zufrieden. Aber an vielen Stellen fühle ich mich mit den neuen Eindrücken und Wahrnehmungen überfordert. Einfach weil sie neu sind, weil ich sie so nicht kenne und meine Vergleichswerte aus der Vergangenheit damit zu kollidieren scheinen.

Dieser ehemals Blinde hatte ein Umfeld, dass ihn nur Blind kannte und ihn dementsprechend wahrnahm. Gewisse Freunde waren Blinde und die konnten das was er nun erlebte nicht verstehen. Andere Freunde waren Sehende und stellten sich vor, für ihn müsse doch nun alles super sein.

So wie der nun Sehende mit all dem auch ziemlich alleine da stand, stehe auch ich ziemlich alleine da. Nicht alleine im Sinne, dass ich keine wundervollen, helfenden Menschen an meiner Seite hätte. Das ist absolut der Fall! Mein Helfer-Netz ist da. Meine geliebte Frau ist an meiner Seite und hat sehr viel Verständnis für mich. Und da gibt es eine Anzahl an Freunden und Bekannten, für die ich echt dankbar bin. Aber ich bin in dem Sinne alleine, dass sowohl die Multis als auch die Unos ihre Schwierigkeiten mit meinem Status haben.

Viele denken offenbar, dass ich doch nur noch dauer-grinsend durch die Gegend laufen müsste, bei dem was ich erreicht habe. Und andere Betroffene wiederum distanzieren sich, weil sie scheinbar Angst haben, sich mit einem 'Heile-mach-Virus' anzustecken.


Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass andere Multis ein klareres Bild über die Möglichkeiten und Grenzen bekommen, die die verschiedenen Therapieziele mit sich bringen. Es geht mir jetzt nicht darum, wie das therapeutisch erreicht werden könnte. Und auch nicht darum eine dieser Möglichkeiten als 'Pflicht-Ziel' für andere darzustellen. Es geht mir nur darum, aufzuzeigen, dass jede Therapie-Phase ihre eigenen 'Vorteile' und 'Herausforderungen' mit sich bringt. Und ich glaube, dass es wichtig ist, diese zu kennen um Enttäuschung und Frustration durch falsche Vorstellungen zu vermeiden.

Wenn ein Multipler andauernd dissoziiert, immer wieder Wechsel und Blackouts statt finden und wenn diese Person mit vielen Flashbacks durch unterschiedlichste Trigger zu kämpfen hat, dann wird diese Person sicher sagen, dass ihre Lebensqualität teils extrem eingeschränkt ist. Wenn die Ängste, Wechsel und das Innenleben dafür sorgen, dass diejenige sich nicht mehr raus traut, sich selbst verletzt, Suizide plant und versucht und nichts von den Dingen möglich ist, die sie sich wünscht, dann wird diese Person die Aussage sicher bestätigen.

Ja, durch eine gute, individuell abgestimmte Therapie können viele Stabilisierungen erreicht werden. Besonders wenn ein gutes Helfer-Netz vorhanden ist. Und nein, ich rede hier nicht von einer kurzen Therapiezeit. Ich rede von Schritten, die über einen Zeitraum von Jahren – eventuell sogar Jahrzehnten – erreicht werden können aber nicht müssen. Es gibt keinen pauschal für alle erreichbaren Zielpunkt.

Fakt ist, die Integration (also Kommunikation und Zusammenarbeit mit einzelnen/allen Innens) sorgt dafür, dass man seltener klassische Blackouts hat. Außerdem nimmt man den Alltag insgesamt mehr wahr und wird ruhiger und ausgeglichener. Die Ängste, dass Katastrophen in der Zeit geschehen, wo es zu Wechseln kommt, werden ebenfalls weniger.

Fakt ist, eine teilweise Fusion (also das Annehmen und Zusammenfügen einzelner Innens als Teil von sich selbst/anderen Innens) sorgt dafür, dass die oben beschriebenen Punkte noch mehr verstärkt werden. Gerade wenn dann auch die ängstlichen oder aggressiven Innens auf diese Weise zur Ruhe kommen, gibt das wesentliche Stabilität für den Alltag.

Fakt ist, die vollständige Fusion (also das Annehmen aller Innens als Teil von sich selbst) führt zu einer massiven Stabilisierung in der Wahrnehmung dessen was den 'lieben langen Tag' so geschieht. Das wiederum bringt die neue Herausforderungen mit sich. Z.B. diese Flut an Informationen so 'ungefiltert' zu verarbeiten und die nicht mehr vorhandene Innenkommunikation.

Fakt ist, in keinem dieser 'Schritte' sind einfach alle Schwierigkeiten weg. Wer vor einem dieser Schritte eher autistisch veranlagt war, wird das bleiben. Ängste werden dennoch existieren – der Umgang damit ändert sich, dass ja. Aber die Ängste sind generell noch da. Depressionen verschwinden nicht, nur weil man einen dieser Schritte erreicht hat. Und ja, man hat dennoch Traumata in der Vergangenheit erlebt. Die sind nicht weggewischt. Das bedeutet, dass eventuell trotz guter Kommunikation, Fusion oder sogar vollständiger Fusion weitergehende spezielle Therapien notwendig sind. Auch das ist individuell sehr unterschiedlich.


Nun wieder den Bogen zurück zu Alters- & Gesundheits-angemessen: Auch wenn vieles für mich angenehmer ist, sind meine 'Alters-Erscheinungen' (Boah! Ich bin kein alter Opa!) vorhanden. Und meine Gesundheit als Gesamtes hat sich nicht auf 100% verbessert. Ich habe Einschränkungen und diese werden wohl mit höherem Alter noch weiter zunehmen (Wuhääää! Ich bin soooo alt!)

Und meine Frau gießt noch Öl ins Feuer! Sie sagt, sie weiß, was sie mir in drei Jahren zum Hochzeitstag schenkt: Eine Senioren-Karte fürs Schwimmbad!

fasterjones

Das mag ich aber nicht! Ich will kein Slo'Mo Jones sein! Ich will Power haben und agil sein und und und… Wünschen darf man ja noch…

Doch wo und wie bekomme ich die gewünschte Power?


Die Bilder im Beitrag sind aus Vorlagen von SVG Silh erstellt

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  1. M

    Melinas

    Na, da bist Du mit Deinem letzten Sätzen so richtig normal geworden. Der Roller ist gut – da kommen jetzt doch diese Elektro-Roller auf den Markt…. das würde Dir schon einige Energie einsparen und – ich denke (nein ich weiß, man muss einfach im Alter haushalten mit seiner Kraft).
    Übrigens bei mir war das genau umgekehrt – nach meinem Unfall bekam ich ja erst die DIS-Diagnose, bis dahin war ich völlig unbewusst was meine Kraft und Energie betraf. Dann nach der Diagnose und natürlich den Unfallfolgen wurde ich gezwungen sehr auf meinen Körper zu achten und mit meinem Können und Vermögen des Körpers bewusst umzugehen – und zwar von einer Minute auf die andere. Der Kopf kam da lange nicht mit – dachte immer noch (bestimmt 2 Jahre danach noch), dass alles wie vorher war. Gratuliere Dir also zu Deiner Normalität ;-( ;-)

    • u

      Bin also fast so normal wie du ☺ Dann habe ich ja jetzt auch zwei Jahre Zeit… so sagte es die Shiatsu-Tante ja auch… ich mag nur nicht zwei Jahre warten :D

  2. B

    Birke E. von ZEiTENMOSAiK

    Ich erwische mich selbst auch immer wieder bei der Hoffnung, von der ich weiß, dass sie Illusion ist, dass es ein "einfach gut" geben wird… Ohne Konflikte, ohne Krankheiten, ohne Stress, ohne Überforderung, ohne Einsamkeit etc. So wird es nicht sein. Ich weiß das, aber ich hätte es gerne so. Zu gerne. Nie wieder Stress im Leben… Und ich finde sooo gut, dass du so ehrlich drüber schreibst, realistisch. Danke

  3. M

    Madita

    Bei mir/uns wurde vor 2 Jahren eine Innenohr-Schwerhörigkeit diagnostiziert. Hörvermögen auf einem Ohr nur noch 70%.
    Als ich bei einem Telefonat meiner Tochter davon berichtete und unter Tränen sagte "ich will keine Hörgeräte, ich bin doch noch gar nicht so alt" meinte meine Tochter (und ich konnte ihr grinsen durchs Telefon sehen!) "Naja, aber Oma biste doch schon, das sind keine Hörgeräte, das sind Oma-Accesoires!" Ich/wir mussten so lachen!
    Gegen die Hörgeräte wehre ich mich immer noch, aber die dringend notwendige Lesebrille habe ich zwischenzeitlich als "Oma-Accesoire" anerkannt. Wobei es Anteile gibt, die diese Brille gar nicht benötigen.
    Ich weiß ja nicht wie sich das vollständig fusioniert anfühlt, aber noch fragmentiert und nur teilweise integriert merke ich schon sehr deutlich dass jüngere Anteile deutlich leistungsfähiger sind und wenn phasenweise mehr die "Erwachsenen-Altersentsprechenden" Anteile da sind dass ich/wir uns dann wirklich vorkommen wie 80ig jährige Oma mit Asthma und Rheumatischer Artritis plus Herzprobleme und taub und blind wie ein Maulwurf. Nicht wirklich schön. Aber "ich" denke dass das daran liegt dass der Großteil halt jünger ist und deswegen die Denke an die Leistungsfähigkeit eben auch dem "jünger" entspricht obwohl der Körper halt wirklich schon älter ist.
    Und vielleicht hinkt bei dir dieses "altersentsprechende Körpergefühl" noch ein wenig hinterher, ich weiß ja nicht wie lange du schon vollständig fusioniert bist……
    Lieben Gruß, Madita und Scherben

    • u

      Vielen Dank für deine Rückmeldung Madita! Ja, ich kenne diese Unterschiede der Leistungsfähigkeit aus meinem ganzen Leben… und auch jetzt als Fusionierter ist es so, dass ich mir teilweise wie ein Jungspund vorkomme, der Power ohne Ende hat… und einen Tag später wie der Alte Opa… Das ändert sich offensichtlich nicht mit der finalen Fusion. Ich empfinde das auch nicht unbedingt als gemäßigter – aber das kann durchaus daran liegen, dass ich halt keinen Vergleich dazu habe, wie es als Uno ist…

      Den Gedanken mit dem Hinterherhinken finde ich sehr gut. Das deckt sich auch mit dem, was die Theras und Ärzte mir gesagt haben: "Rechnen Sie mal mit zwei Jahren, bis Sie das einigermaßen klar haben und passend umsetzen können"… Aaaaber… ich bin doch so ungeduldig .

      Meine finale Fusion habe ich am 23.01.2019 gehabt und bin somit noch ziemlich weit weg von den 2 Jahren, die da so als nötig angesehen werden…

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