Therapie 1

Heute hat wie angekündigt die Verhaltenstherapie-Stunde stattgefunden. Mit dem Thera wurde die aktuelle Wahrnehmung und die Feststellung, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben als eine Person wahrnehme, besprochen. Seine erste Reaktion, als ich ihm sagte, dass ich alles angenommen habe und keine Stimmen mehr da sind, war wie immer von absoluter Ehrlichkeit geprägt und wurde mit einer Prise Humor dargeboten. Eine Art Humor, die die Chemie zwischen dem Thera und mir gut aufzeigt.

"Och, ich werde keine Diskussionen mehr mit der 'Nordkurve' (Anmerkung: die Bezeichnung für die aggressiven Verteidiger und Randale-Macher) führen können… Das war immer wieder mal toll mit denen…", dabei grinste er schelmisch. Wir mussten beide lachen.

Was hat er da nicht alles erlebt, als ich noch nicht so weit war mit dem Innen zu kommunizieren… Das Ein oder Andere wurde im Nachgang in den vergangenen Jahren besprochen… Von ihm wurde verlangt seine fachlichen Abschlüsse und Qualifikationen nachzuweisen, schließlich kann jeder behaupten er habe einen Abschluss… Er wurde eingeladen auf ein 'Bierchen', dafür sei er besser geeignet anstatt als Therapeut tätig zu sein… Ok, dann doch lieber ein Frikadellen-Brötchen – aber das solle er besser selber bezahlen, er bekäme so schon genug Kohle… und ja, er ist immer auf solche Dinge eingegangen. Mit einer Prise Humor sowie der gesunden Mischung aus fachmännischer Distanz und der Freundlichkeit eines 'guten' Bekannten.

Und bei all dem was er geleistet hat, ist er bescheiden. Er sagte heute nochmal deutlich, dass es ein Glück war, dass ich in der Klinik bei der richtigen Ärztin gelandet bin und sich so eine therapeutische Konzept-Kombination aus 2 Fachärzten, 1 Allgemein-Medizinerin, 1 Ergo-Therapeutin und ihm als Psycho-Therapeuten ergeben konnte.

Er ist sehr angetan, dass dieser aktuelle Schritt gegangen wurde und ein so ein ganz neues Lebens- und Therapie-Kapitel aufgeschlagen wird. Besonders auch, da auf diesen Schritt nie gezielt hingearbeitet wurde und ich es auch über lange Zeit für nicht machbar gehalten habe. Er beruhigte mich bezüglich meiner Anmerkungen, dass mein Denkprozess im Moment sehr holprig ist und die Innenreisen keinen Sinn mehr machen: "Klar, da ist ja nun auch keiner mehr… das ist dann offensichtlicher eher öde wenn man dann da alleine rum sitzt… Das laute Aussprechen von Gedanken oder das Aufschreiben müssen, weil bei dem Versuch, auf die bisherige Weise nach Innen zu kommunizieren ohne Antwort bleibt, ist in dieser Phase absolut verständlich. Es ist ein komplett neue Erfahrung für Sie… sich daran gewöhnen wird also ein Ziel sein… und dann das neue Denken als Positiv an zu nehmen…"

Es wurde sich auch über das Wort "Geheilt" unterhalten. Er sagte, dass es im therapeutischen Sinne tatsächlich als Geheilt gilt, es aber gut ist, sich bewusst zu machen, dass in einem unwahrscheinlichen Extremfall durchaus wieder Abspaltungen erfolgen können. Und daher konnte er mit dem Vergleich zu einem trockenen Alkoholiker daccord gehen. Sein Kommentar dazu aber: "Wichtig ist, dass Sie sich nicht deswegen kirre machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie – als Online-Banking-Kunde der nie eine Bank betritt – in eine Bank gehen, dort gerade ein Überfall stattfindet, ausgerechnet Sie als Geisel genommen und dann entführt werden ist schon mehr als nur gering. Niedrigere Belastungen werden nicht zu einem erneuten Zerbrechen führen wenn Sie weiterhin im Hier und Jetzt bleiben. Bleiben Sie weiter dran das neue Verständnis auch täglich um zu setzen. Und nein, wenn Sie dissoziieren ist das nichts Schlimmes und kein Rückschritt. Also auch dort müssen Sie sich nicht verrückt machen. Sie haben sich Techniken erarbeitet, sich auch da wieder raus zu holen und dann es damit auch in Ordnung."

Was die Fähigkeiten, Erinnerungen und Charaktereigenschaften angeht, die im Moment nicht im Zugriff sind, meinte er, dass ich sehr gut verstanden habe, dass sie nicht 'weg' oder 'verloren gegangen' sind. Die ein oder andere Charaktereigenschaft ist für mich persönlich nicht positiv, warum sollte ich sie dann weiter 'pflegen'? "Erinnerungen verblassen, wenn sie nicht im Trauma-Gedächtnis andauernd wieder aufgewärmt werden. Daher ist es normal, dass gewisse Dinge nun nicht mehr präsent sind. Aber sind die wichtig für Sie? Sind es große Dinge die fehlen, oder eher weniger wichtige Details? Wenn es Details sind, brauchen Sie diese dann unbedingt?" Das konnte ich mit einem klaren 'Nein' beantworten… Es sind oftmals Details die fehlen und die paar großen Elemente quälen mich mittlerweile nicht mehr.

Was die Fähigkeiten angeht… Hey! Ich kann immer noch am PC Texte schreiben… mir ist gerade aufgefallen, dass mir das sogar leichter fällt als früher – ich tippe bewusst(er) und erstaunlich schnell… ich verstehe die Texte besser als wenn ich krampfhaft versuche diese Monolog-Denkweise auszuführen… Naja, ob ich noch komplexe Datenbanken am PC anlegen muss… eher nicht, also nicht schlimm, dass mir da was momentan an Zugriff fehlt. Ich habe heute versucht eine komplexe Formel in einer bisher bestehenden Datei nach zu vollziehen… Klappt nicht… egal, kann ich mit Leben. Die wichtigen Dinge funktionieren und sind emotional eine ganz andere, positive, Erfahrung. Alles andere wird die Zeit zeigen.

Was das Erkennen von Grenzen meiner Leistungsfähigkeit angeht, hält er mich für sehr realistisch – auch wenn ich es gerne bis zu diesen Grenzen ausreize. Das ist ihm lieber als wenn ich mich lethargisch zeigen würde. Er sagt, es gilt weiter: "Lebensqualität verbessern und stabilisieren und nicht in die Leistungsgesellschaft zurück gehen. Wie Sie selber festgestellt haben, würde das zu übermäßigem dissoziieren führen und dann könnte es sein, dass Sie eher harmlosere Erlebnisse als extrem traumatisch einschätzen. Sie sollten also weiter daran arbeiten unter alltäglichen Belastungen im Hier und Jetzt zu bleiben damit Ihnen das nicht passiert."

Die nächste Stunde ist in einem Monat, morgen zum Facharzt und auch dort alles besprechen… dann nochmal bei der Shiatsu-Tante… und dann… ich halte euch auf dem Laufenden.

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