Nachteil eines integrierten Systems

Das hört sich wahrscheinlich total doof an. Nachteile dadurch, dass nicht mehr alle nach außen durcheinander springen? Nachteile dadurch, dass die Innenkommunikation gut funktioniert? Nachteile dadurch, besser aufeinander zu achten und aufeinander einzugehen? Nachteil ist vielleicht ein starkes Wort für das, was ich meine… aber lasst es mich erklären…

Früher… da gab es hier massig Erinnerungslücken bezüglich des täglichen Ablaufs. Das war nicht toll. Heute als integriertes System sind diese Lücken wesentlich geringer und sogar Erinnerungen aus der Vergangenheit können teilweise wieder abgerufen werden. Nicht immer mit den dazu gehörigen Emotionen und oft auch nicht zu ‚100% korrekt‘. Die Selbstverletzungen und Selbsterniedrigungen sind im allgemeinen weniger geworden. Das ist doch also besser. Was ‚jammere‘ ich nun rum?

Manchmal komme ich mir vor wie eine Art ‚Borg‚… ohne den ganzen ‚gruseligen‘ und ‚grausamen‘ Teil. Eine Art Assimilation im gegenseitigen Einverständnis mit dem Ziel immer ‚besser‘ (im Sinne von Vollständiger) zu werden. Dabei gibt es hier sowohl die Symbiose als auch die spezielle Form der Symbiogenesen

Die Symbiose dürfte den Meisten bekannt sein. Zwei Lebewesen stellen sich so gut aufeinander ein, dass sie zum Teil sogar ohne den anderen gar nicht mehr existieren können. Der Clownfisch und die Anemone sind dank dem Animationsfilm „Findet Nemo“ das wohl bekannteste Beispiel einer Symbiose. Beide arbeiten gut zusammen und sorgen füreinander. Beide haben einen Vorteil davon und ergänzen sich so.

Bei einer Symbiogenese dagegen sind zwei Lebewesen jedoch so sehr miteinander vernetzt, dass sie biologisch gesehen eine neue Art ergeben. Gewisse Pilze ergeben in der Symbiose mit bestimmten Grünalgen oder Bakterien eine neue Art: Die Flechten. Es ist als eine Art „Aus 2 mach 1“. 

Beide Varianten gibt es hier im Innen… und bewirken einen gravierenden Unterschied zum früheren Leben. In der Vergangenheit waren die anderen im Innen so außer Kontrolle, dass ich mich in keiner Form verantwortlich fühlte. Dann lernte ich Stück für Stück die Verantwortung für deren Handeln im Außen auch zu übernehmen. Das ist mir schon ziemlich schwer gefallen. Ich bin davon ausgegangen, dass dies die Art der Verantwortung ist, die weiterhin auf mich zukommt.

Aber mit jedem Schritt in der Integration wird die Verantwortung ein ganzes Stück anders. Es ist nicht mehr nur das Denken oder das Handeln der Anderen. Je näher alle zusammenrücken und ein (neues) ganzes ergeben, umso mehr sind es auch die Gedanken des gesamten unsereins & me. Angereichert durch das Erlebte und die Erfahrungen der Anderen. Und da sind noch einige im Innen dabei, deren Gedanken und Handlungen ziemlich konträr zu dem gehen, was sich unsereins – oder im Speziellen me – als erstrebenswert vorstellt. Und wenn die dann auch noch entsprechend Handeln (selbst wenn das mittlerweile extrem abgeschwächt ist und seltener vorkommt), dann ist es etwas, für das me plötzlich nicht nur nach Außen ‚verbal‘ die Verantwortung trägt, sondern auch emotional.

Wenn jemand direkt me angereichert hat, dann sind sein früheres Handeln und seine früheren Denkmuster regelrecht zu meinen eigenen hinzugefügt worden. Und das ein oder andere Denk- oder Handels-Muster ist dabei ziemlich stark in me geworden. Bisher sind es zwar hauptsächlich Innens, mit denen ich entweder früher gut klar kam oder die von gewissen Grundsätzen her stark auf einer Linie lagen. Doch auch in dieser Konstellation kommt es vor, dass ich ‚eingeimpfte‘ Denkweisen finde, die nie meine waren, nun aber Teil von mir sind. 

Es ist so eine ’neue‘ Lebensform entstanden. me ist als einzelne Person ‚umfassender‘ geworden. Sowohl was Erinnerungen, Wahrnehmungen, Emotionen und Fähigkeiten angeht, als auch was die Verantwortung betrifft. Und ja, das ist für mich im Moment ein ‚Nachteil‘. Denn es ist schwer für mich. Weil es (immer noch) ungewohnt ist.

9 Gedanken zu „Nachteil eines integrierten Systems“

  1. Danke für diesen Denkanstoß…irgendwie kommt mir dabei der Gedanke, dass es vielleicht mit dem „Zusammenschluß“ es vielleicht weniger SchwarzWeißDenken gibt, mehr Grautöne vielleicht? Es ist leichter einzuteilen in Schwarz oder Weiß….Und mir fällt grad noch ein dazu, dass eine Freundin immer schon sagte: Du mit deinem „gnädigen“ Gedächtnis – kann mann vielleicht nicht mehr so leicht etwas Unangenehmes vergessen?

    1. Ich würde sagen, dass es sowohl tiefschwarz, viele Grautöne und reinweiß. Ob die Einteilung leichter fällt ist für mich noch nicht ganz klar und was das Gedächtnis angeht gibt es gerade noch nicht genug Erfahrungswerte

  2. „Eingeimpfte Denkweisen (…), die nie meine waren, nun aber Teil von mir sind“… könnt ihr das noch etwas näher beschreiben?… kommt mir ein bisschen wie ein „Misch“ auch ganz am Anfang des Kennenlernens vor… Denkweisen, wo ich mich frage, „eingeimpft“ und-oder auch Teil von mir?? Wo ich mir eher Differenzierung wünschen würde, bevor es weiter zusammenwächst…

    1. Das eingeimpft bezieht sich in diesem Fall nicht auf die (in erster Linie) Denkweisen, die von Fremden denen im Innen beigebracht wurden. Vielmehr geht es um die ‚Werte‘, die jeder einzelne im Innen für sich im Laufe des Lebens als seine Maßstäbe für sich erarbeitet hat.

      Als Erstes gebe ich ein Beispiel eines Innens, der so weit von mir weg ist wie nur irgend möglich und führe das an, was eine Symbiogenese in mir wohl auslösen würde.

      Da ist der erfolgreiche Geschäftsmann – dieser sah immer nur den finanziellen Erfolg als das Ziel im Leben an. Ich – me – konnte damit nie etwas anfangen. Es war nicht meines und ist es immer noch nicht. Würde dieser nun in einer Symbiogenese Teil von mir werden, wäre es wohl so, dass seine Werte plötzlich ein Teil von meinen Werten sind. Ich wäre dann definitiv nicht mehr so, wie ich jetzt bin. Anstatt alles aus dem sozialen und ehrenamtlichen miteinander zu sehen, würde seine Sichtweise, dass dabei auch ein Gewinn herauskommen muss ein Teil meiner Gedanken werden. Es wäre dann echter Gegenstreit in mir selbst. Wie soll ich damit dann umgehen?

      Ja, alle Fachleute haben unsereins & me immer gesagt: „Die Integration wird nur bei Einzelnen zu einem so engen miteinander (Symbiose) führen und nur bei wenigen Ausnahmen zu einer Verschmelzung (Symbiogenese). Und dann auch nur zwischen Innens, die sehr stark auf einer Wellenlänge liegen bzw. sich gut ergänzen. Mit den anderen im Innen wird es eher wie in einer gut funktionierenden WG laufen.“

      Die Wahrscheinlichkeit, dass also einer der ‚Ultras‘ auf den Trichter kommt Teil von me zu werden ist wohl eher gering… und die bisherigen vier Symbiogenesen mit me sind tatsächlich Innens gewesen, bei denen es viel Nähe im Vorfeld gab und viele ‚Überschneidungen‘ mit meinen Werten.

      Die erste Symbiogenese hat mich regelrecht überfallen und es fand nur eine kurze Rückfrage im Innen statt, ob das für mich Okay sei. So wurde meine emotionale Wahrnehmung viel ‚weiblicher‘ (Bitte nicht negativ verstehen – weibliche Emotionalität ist etwas total Tolles. Nur halt sehr ungewohnt für mich). So ist die Freude über Schönes viel intensiver als früher. Auch die Wahrnehmung von Nähe und Zärtlichkeit ist viel inniger. Ganz vieles wird ‚weicher, sanfter, intensiver und gütiger‘ wahrgenommen. Gerade im Zwischenmenschlichen eine enorme Bereicherung. Meine eigene Wahrnehmung ist dadurch ‚verbessert‘ worden. Trotzdem (über)fordert es mich, da es eben ungewohnt ist. Und spätestens wenn ich bei irgendeiner Filmszene Rotz und Wasser heule, die mich bisher ’nur‘ zum Schniefen gebracht hätte, wird das auch für andere im Außen ganz offensichtlich.

      Die nachfolgenden Symbiogenesen dagegen waren mit sehr intensiver ‚Diskutiererei‘ verbunden. Und auch ihre Auswirkungen sind anstrengender. So ist der Glaube mir schon immer sehr wichtig gewesen und ich hielt mich an die dort bestehenden Regeln. Dabei war ich aber nie ein Hardliner. Einer derjenigen ist aber ein Hardliner gewesen. Für ihn gab es nur „100% Regeln einhalten gilt für alle“. Bevor wir uns so sehr annäherten, dass es passte, gab es daher viele Streitpunkte zwischen uns. Seit unserer Verschmelzung sind die extrem akkuraten Gedankengänge ziemlich präsent. Mein Handeln nach außen hat sich zwar nicht insofern verändert, dass ich von anderen mehr verlangen würde, aber ich muss mich immer wieder mit – nun meinen – Gedanken auseinandersetzen, die besagen, dass sich hier und da und dort genauer an die Regeln gehalten werden müsste.

      Früher konnte ich demjenigen sagen: „Nein, dass ist deine Ansicht, ich halte das aber anders.“ Jetzt ist es so, dass ich denke: „Ja, die Ansicht ist schon richtig und ich werde versuchen es für mich umzusetzen, aber dabei auch nicht außer acht lassen, dass die im Außen andere Entscheidungen für sich treffen dürfen und mir kein Urteil darüber zusteht.“ Es ist wie man an dem Satz wohl erkennt ‚aufwändiger‘.

      Die Differenzierung ist (also hier zumindest) ‚automatisch‘ gekommen durch die intensive Innenkommunikation, die zum ‚Zusammenwachsen‘ führte.

      Habe ich mich verständlich ausdrücken können?

    2. Also für mich hört sich das super anstrengend an. Wirklich sehr nachteilig und irgendwie nicht erstrebens wert.
      Es hört sich wie dieses „übernommen“ werden an, wo sich das gesprochene und gefühlte wie das eigene anfühlt im Augenblick wo es passiert, aber im Nachhinein ganz klar und definitiv nicht ICH gewesen sein konnte. So lange es getrennt ist, kann man zumindest darüber kommunizieren, aber wenn das plötzlich zu mir wird, wie soll man da mit klar kommen, wenn man damit nicht einverstanden ist?
      Da bin ich ja froh, dass da zumindest nicht diese extrem Gegen-Pole verschmelzen.

    3. @Vergissmeinnicht

      Ja, es ist super anstrengend – zumindest im Moment. Einiges ist sicher ganz toll daran… aber es gibt halt zwei Seiten auf der Medaille.

      Mein größtes Problem daran ist dieses ‚eingeimpfte‘ in den Gedanken. Ich kann zuordnen von wem die Gedanken damals stammten und im Regelfall kann ich sogar besser ‚gegensteuern‘ als früher, wo es ja einfach umswitchte. Aber alleine das solche Gedanken nun meine Gedanken sind, macht mich ziemlich Groggy.

    4. puh… das liest sich so, als ob es ohne eigenes Erleben nicht wirklich nachvollzogen werden kann… ich jedenfalls kann es nicht… dennoch danke für deine Schilderungen… ich bin grad erst dabei, zuzulassen, dass es sich differenziert… von „Zusammenwachsen“ noch keine Rede… deshalb finde ich es langfristig aber spannend, ob es sich dann anders anfühlt als heute… wo es ja auch irgendwie eng beieinander ist, aber „nur“ weil ich es noch nicht so differenziert wahrnehme 🙂

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