Geschriebenes, Kreatives, Traeumereien, unsereins me kreativ

Entführung auf Rezept *TRIGGER*

Kunst Texte

kunst texte 1

um author

Es war ein schöner warmer Tag, wir waren gemeinsam mit der Ehefrau auf einer Veranstaltung. Tausende von Menschen waren dort. Es war gerade Pause und ich saß am Straßenrand als plötzlich ein Transporter neben mir hielt. Die Tür ging auf, ich wurde hinein gezerrt, die Schiebetür schloss sich mit einem lauten Knall. Und während der Transporter los fuhr, saß ich im Dunkeln. Es dauerte knapp eine Stunde, bis der Wagen anhielt und ich hinaus könnte. Es war eine schlecht beleuchtete Tiefgarage, durch die ich von zwei Typen – naja, sie wirkten wie Schläger – in eine Art Untersuchungs-Saal gebracht wurde. Ich würde bäuchlings mit den Armen nach oben fixiert. Und mein Peiniger kam herein. Er setzte ohne Worte eine Spritze in die Kuppe des rechten Zeigefingers. Kurz danach wurde alles schwarz.


Das nächste Mal öffnete ich meine Augen und befand mich in einem steril wirkenden Raum – immer noch fixiert. Der Psychopath, der meine Entführung veranlasst hatte stand neben meinem Bett. Drei mal täglich 250 mg Seroquel als Injektion. Als Injektion! Zum Glück nicht mehr in die Fingerkuppe, sondern über den gelegten Zugang am Handrücken. Die Tage und Nächte vergingen – hell und dunkel wechselte sich ab. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, alles war wie unter einem Schleier. Das alltägliche füttern mit einem nicht gerade appetitlichen Brei durch eine streng dreinschauende Dame war das einzige Highlight – wenn man das denn so nennen darf. Ich hatte immer noch keine Ahnung wo ich war. Gesprächsversuche mit der Dame scheiterten an ihrer Wortlosigkeit und der Psychopath schloss sich ihr an. Auch die Kleidung ließ keine Rückschlüsse darauf zu, ob es sich nun um eine Klinik handelt oder einen irren Wissenschaftler, der Menschenversuche durchführte. Nur Eines war klar: Ich steckte in der Klemme und niemand konnte mir helfen.

Ich zermarterte mir mein Hirn, sobald die Wirkung vom Seroquel nachließ: "Wie geht es wohl meiner Frau? Weiß sie wo ich bin? Sicher nicht – sie hätte mich hier längst weg geholt! Die Polizei muss mich doch suchen! Ich muss hier raus!"

Nach einiger Zeit gab ich auf. Nicht das mein (Über-)Lebenswille gebrochen gewesen wäre. Aber ich gab auf, mich noch zu wehren. Ich versuchte irgendwie Ruhe zu bewahren und bei jeder Gelegenheit in Ruhe nachzufragen, was von mir erwartet wird. "Was kann ich tun, damit ich nicht mehr fixiert werde?"

Irgendwann wurde die Dosierung des Medikaments reduziert und es kam das Okay um die Fixierung zu lösen. Den Raum durfte ich nicht verlassen. Um das bisschen gewonnene Freiheit nicht auf Spiel zu setzen, probierte ich erst gar nicht, die Türe zu öffnen. Aber mir war klar: Wenn es sich hier um eine Einrichtung für Experimente handeln würde, hätten Sie mir wohl anderes als nur ein altbekanntes Medikament gegeben… oder gehörte die Isolation doch zu einem Experiment? Meine Sicherheit war wieder weg. Es war ein karges Zimmer mit Oberlichtern. Der Blick nach draußen zeigte eine Baumkrone und etwas blauen Himmel. Die Blätter waren vollends gewachsen. Als ich her kam, zeigten die Bäume die ersten Blätter, denn es war gerade Frühling geworden.

Fünf Tage später durfte ich den Raum das erste mal verlassen. Lange, lichtdurchflutete Gänge mit viele Türen zeigten sich mir. Alles war in zwei Etagen um einen grünen Innenhof gebaut. "OK, es ist definitiv so etwas wie eine Klinik", gefolgt von dem Gedanken: "Ich möchte raus in den Hof. Die Sonne scheint dort hinein. Die Sonne spüren. Das täte nun sicher sehr gut." Ich traute mich nicht, zu fragen. Wen auch. Der Psychopath – der sich mir immer noch nicht vorgestellt hatte – war direkt nachdem er mir die Erlaubnis gab verschwunden. Und auf den Gängen war sonst niemand zu sehen. Alle Türen waren geschlossen – durchnummeriert von 100 bis 115. Fünfzehn solche Zimmer wie meines. Eine Doppelflügel-Tür und gegenüberliegend die Glas-Tür in den Innenhof. Ich ging nun zum dritten mal daran vorbei. Die Doppelflügel-Tür öffnete sich plötzlich und dahinter war so etwas wie ein Aufenthaltsraum. Dort saßen andere Personen. Endlich andere Menschen. Nicht nur diese zwei seltsamen Gestalten.

Die Außenreize waren auf jeden Fall auf ein Minimum herunter gefahren. Zeitungen, Radio, Musik, TV, Computer oder Telefon – alles Fehlanzeige. Ein paar Bücher waren im Aufenthaltsraum zu finden – nicht gerade Meisterwerke oder Aktuelles. Aber nach den vergangenen Wochen – oder waren es Monate? – wäre mir jeder Schinken recht gewesen. Die nächsten zwei Wochen brachten einiges an Klarheit, ließen aber noch viele Fragen offen. Es war eine Klinik. Irgendein Fach-Klinikum, dass im Auftrag des Staates agierte, so erzählte man sich – aber genaues wussten auch die anderen Patienten nicht. Weder wo sich die Klinik befand, noch was diese "Verwahrung" bewirken sollte. Zumindest wusste ich nun anhand einer Foto-Wand, welche medizinische Ausbildung die Personen hatten, die im Aufenthaltsbereich mit Kittel herum liefen. Aber aus dem Professor war nicht wirklich viel heraus zu bekommen. Und Namen standen auf der Foto-Wand leider auch nicht.

"Es ist nicht relevant, wo sie sind und es ist nur zu Ihrem Besten", waren seine Worte. "Na toll! Ich war mir sicher, dass es Besseres für mich geben würde", dachte ich und antwortete: "Weiß meine Frau bescheid? Sie wird sich sicher Sorgen machen." Der Professor schaute mich kurz an: "Ja, sie bekam direkt von der Polizei bescheid, so wie es üblich ist und wurde informiert, dass dies auf staatliche Anordnung geschieht. Alles was relevant ist, wurde ihr mitgeteilt."

"Sie weiß also wo ich…", weiter kam ich nicht. "Nein. Das ist nicht relevant", antwortete er. "Dann brauche ich wohl auch nicht zu fragen, ob sie mich besuchen kann…", er schüttelte kurz den Kopf, deutete, dass er weiter müsse und ging. Mich machte das echt kirre. Ohne Hintergrund-Informationen komme ich nur schwer klar. Es fand hier ja weder Therapie noch sonst irgend etwas statt. Das Ziel war mir total unklar.

Gut dass ich bereits über die Jahre in den Therapien verschiedenes gelernt hatte um mich zu beruhigen und mein Innenleben erwähnte ich hier in keiner Form. Warum auch? Offensichtlich war es ja nicht gewollt etwas von mir zu hören oder mit mir zu besprechen.

Die logische Schlussfolgerung lautete also: Ich war zur Beobachtung hier. Keine Ahnung wieso man meinte mich beobachten zu müssen, eventuell würde ich das noch herausfinden. Die anderen Patienten waren da auch nicht aufschlussreich. Alle waren schon seit Jahren wegen verschiedener Störungen in psychiatrischer Behandlung. Die Meisten waren im Vorfeld medikamentös eingestellt und hatten stabile Zeiten, bevor sie plötzlich auf die gleiche Weise  wie ich hier gelandet waren.

Die Zeit verging – Stunde um Stunde, Tag um Tag. Es war ein warmer Tag, den ich direkt nach dem Mittagessen im Innenhof verbrachte. Die Sonne wärmte mich und eine Amsel saß auf einem der Äste. "Es ist Besuch für Sie da", hörte ich die Stimme des Professors. "Besuch?" – So viele Fragezeichen wie in diesem Moment, waren über meinem Kopf wohl noch nie aufgetaucht. Diese Aussage hatte ich hier noch nie gehört. Noch nie hatte hier jemand Besuch bekommen. Er deutete auf die Doppelflügel-Tür: "Danach gerade aus weiter. Die Tür zum Fachbereich wird Ihnen dann geöffnet und man führt Sie zum Besuch."

Ich ging wie mir geheißen. "Hoffentlich ist es meine Frau. Bitte, lass es meine Frau sein und nicht irgendjemand 'Offizielles'. Bitte, lass es meine Frau sein", dachte ich, während ich in den Fachbereich eintrat. Ein ziemlich grobschlächtiger Mann in einer Art Uniform stand da: "Mir nach. Dort durch die Tür. Sie haben zwei Stunden Zeit sich wieder hier einzufinden."

Die weiß lackierte Tür ging sehr langsam auf. Da stand sie: Meine Frau! Tränenüberströmt fielen wir uns in die Arme und küssten uns! Endlich! Endlich war sie da – ich konnte es kaum fassen. Und sie offensichtlich genau so wenig. Erst einmal hatte ich nur Augen für sie. Es gab so vieles zu besprechen: "Ich habe dich vermisst", "Wie geht es dir?", "Welcher Tag ist heute eigentlich?", "Wir haben nur zwei Stunden Zeit.", "Wie bist du her gekommen?"

"Zu Fuß." Ich schaute fragend – erst jetzt bemerkte ich, dass mir die Gegend bekannt war. Es waren gerade mal wenige Straßen bis nach Hause. Ich kannte sogar das Gebäude. Das es allerdings eine Klinik ist, war mir nicht bekannt. Es war auch nicht entsprechend beschriftet. "Komm, hier oben am Berg hat ein kleines Café aufgemacht. Lass uns dort hin gehen", sagte Sie, während sie mich an der Hand hielt. Wir waren gerade ein paar Schritte gegangen, als ich den Professor sah – einen Kinderwagen schiebend mit einer Frau an seiner Seite.

Ich konnte nicht anders: "Sie können mich doch nach Hause lassen – ich wohne doch gleich um die Ecke. Ich komme auch jeden Tag wieder!" Er schaute erstaunt und ging mit dem Kinderwagen wortlos weiter.

Meine Frau und ich gingen zu diesem Café. Klein ist gar kein Ausdruck. Es hatte gerade mal einen kleinen runden Tisch draußen stehen. Direkt unter einem Baum. Es war herrlich! Zusammen mit meiner Frau und… in Freiheit! Egal ob es nur zwei Stunden wären. Diese zwei Stunden sind die Ewigkeit! Wir redeten, blickten uns an und waren einfach nur glücklich. Erwähnte ich schon, dass der Kaffee echt gut war. Ok, im Vergleich zu dem Gebräu, welches es einmal in der Woche dort in der Klinik gab, war alles an Kaffee sicher gut…

"Hier Ihr Entlassungsschreiben", polterte es von der Seite. Der Professor und zwei Mitarbeiterinnen standen plötzlich am Tisch. "Sie nehmen jetzt Digitalis." Im Umdrehen folgte noch ein: "Und Sie brauchen nicht mehr vorstellig zu werden!" Ich blickte erstaunt hinter ihm her. So schnell wie er in mein Leben eingebrochen war, genau so schnell war er wieder daraus verschwunden.

Meine Frau und ich werden sicher noch einige Zeit brauchen um das ganze zu verarbeiten. Ob ich jemals wieder hier her gehen kann, ohne an diese Zeit erinnert zu werden? Aber jetzt können wir erstmal wieder nach Hause. Und nur das zählt.


Die vorletzte Nacht war recht unruhig, was wohl auch daran lag, dass eine Entzündung im Nacken das Tragen der Schlafmaske verhinderte. Wie dem auch sei. Mitten in der Nacht musste ich nochmal raus auf die Toilette um danach in ein Koma zu fallen, das mich extrem mitnahm und bei uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ einiges auslöste. Dabei kam der oben beschriebene Traum zustande.

uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ

Weitere Beiträge aus der Kategorie

Geschriebenes, Kreatives, Traeumereien, unsereins me kreativ

«

»

  1. V

    Traum? Eher ein heftiger Alptraum!
    Das mit dem Auto "eingesammelt" kennen welche in uns. Die sind manchmal vorne und haben Panik pur… Auch Spitzen und Nadeln sind nicht unbekannt…
    Flashback-Alptraum-Mischung?
    Alles Liebe euch.

Schreibe eine Antwort

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Zustimmung zur Datenspeicherung gemäß DSGVO (Pflichtfeld)

Theme von Anders Norén