Innerhalb eines Tages

Therapeutisch zu arbeiten ist herausfordernd. Jedes mal, wenn große Weiterentwicklungen im Verständnis des eigenen Innen von statten gehen, sind es hier regelrechte Marathon-Therapie-Sitzungen. Aber Meist sind es ’nur' 2-3 Stunden am Tag. Doch innerhalb von 24 Stunden trotz aller anderer Tätigkeiten auf 6 Stunden rein therapeutische Arbeit zu kommen ist einfach nur der Wahnsinn.

Ich habe in den Kliniken und Therapien Werkzeuge an die Hand bekommen um mich selbst besser zu verstehen, die erlangten Erkenntnisse zu deuten und eine Umsetzung zu planen. Seit nun 7 Jahre mache ich Therapie und einen großen Anteil an den Entwicklungen hat die 'Heimarbeit'. Bei dieser Therapiearbeit werden die Themen aus der Therapie zuhause weiter entwickelt, optimiert, noch tiefer gehend betrachtet und unsereins & me ist dann sowohl Betroffener als auch als eigener Therapeut gefragt. Und nach solchen Therapiearbeiten ist es nötig alle neuen Erkenntnisse wiederum mit dem / den Therapeuten zu besprechen.

So läuft das hier seid den gesamten Jahren der Therapie. Je nach Phase war außer Essen, Trinken und Schlafen der Alltag zu 90% mit therapeutischen Themen gepflastert. Das ist in meinem Verständnis auch der Grund für die teilweise sehr rasant wirkende Entwicklung. Fasst man diese Heimarbeit zusammen, komme ich mit dieser Nachbearbeitung und Vorbereitung ausf die Therapiestunden in der Woche je nach aktuellem Thema auf 10 Stunden zusätzlich zu den normalen Therapien… Über die Jahre kamen über 700 offizielle Therapiestunden verschiedenster Art zusammen… die Heimarbeit liegt sicher bei einer ähnlichen Stundenzahl.

In ganz aktiven Phasen ist viel anderen – auch sehr Wichtiges – auf der Strecke geblieben. Die Familie hat dabei ganz oft zurückstecken müssen. Und dies auch unter dem Wissen der Notwendigkeit gerne getan. In den weniger aktiven Phasen konnte die Familie dann wieder mehr in die Mitte gerückt werden.

Wie sieht solche Therapie-Heimarbeit nun im Detail aus? Nehmen wir mal die aktuelle Situation.

Im Moment ist es die Frage, ob und wie ich alle in der Vergangenheit erlebten Übergriffe, alle traumatischen Erlebnisse und alle begangenen Handlungen als zu mir zugehörig annehmen kann.

Es ist mir in der Vergangenheit durch die Therapie-Methoden gelungen, das Erlebte und die Emotionen derjenigen im Innen für mich anzunehmen, die mir ähnlich waren. Also quasi gleiche Charaktermerkmale einzelner Innens in vollen Umfang der Gesamt-Persönlichkeit hinzu zu fügen. Dabei wurde unter anderem auf das Hilfsmittel der Spiegelbriefe und die Adoptionsentscheidung zurück gegriffen. Ich habe dabei Briefe geschrieben, in denen ich die einzelnen Innens für die positiven Eigenschaften und Stärken lobe. Später kam es dann zu der Adoptionsentscheidung. Hierbei erstelle ich eine Urkunde bei der ich erkläre, die Verantwortung für die Gefühle des Innens zu übernehmen und mich dafür einsetzen werde die Wunden der Vergangenheit zu heilen sowie zu lernen diesem Innen Freude zu bereiten. Einige Innens möchten dies Adoption – diese Scherben werden Teil von mir als Gesamt-Persönlichkeit, andere möchten sie nicht und gehen in die Freiheit. Ich lasse sie los. Mit ihrem erlebten, mit ihren Ängsten und mit aller Hoffnung und Liebe als Begleitung.

Das ist bei einigen Innens erstaunlich schnell möglich gewesen, bei einigen anderen hat es lange gedauert und bei wieder anderen hapert es heute noch.

Mein Verständnis, die Selbstwahrnehmung hat sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt. Und jetzt ist mir klar, dass es nur einen Körper mit einer Persönlichkeit gegeben hat. Dass diese Persönlichkeit aufgesplittert wurde und ich nicht an alle die Fragmente herankam, machte mich zu jemand anderem und jedes einzelne Fragment war ebenfalls nur ein Abklang des Gesamten. Die Erinnerungen an Erlebnisse sowie eigene Handlungen und Emotionen lagen verstreut im Gehirn herum und konnten teils nur sehr schwierig als ein zusammenhängendes Bild erfasst werden.

Durch die Adoption kann ich positive Erlebnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten bei mir halten sowie negative Emotionen, Handlungen und Gedanken frei zu lassen.

Die erste Adoptionsentscheidung fand am 24.01.2015 statt und heute, am 03.01.2018 sind immer noch nicht alle Adoptionsentscheidungen zum Abschluss gekommen.

Aber 5 Innen-Scherben sind gestern und heute einen dieser Weg gegangen. Vier wollten die Adoption und ich nahm sie an. Einer wollte in die Freiheit und ich lies es in Ruhe, mit Frieden und ganz viel wärmender Liebe geschehen. Es war in jeder Weise nur positiv.

Tatsächlich sind die Auswirkungen dieser Adoptionsentscheidungen immer gigantisch. Da sind Erinnerungen und Emotionen, die einen ganz anderen Stellenwert und eine andere Intensität erhalten. Da sind Fähigkeiten, die wieder abrufbar sind. Und da sind weniger Stimmen. Ich habe immer Stimmen gehört – Stimmen in meinem Kopf, die mir sagen, was sie von gewissen dingen halten. Manche leise, andere sehr laut. Und es ist für mich ganz schwierig leise zu denken. Es sind fast immer Dialoge oder Streitgespräche gewesen in der Vergangenheit. Und nun sind weniger Stimmen da – es werden immer mehr Monologe, die ich führen muss in den letzten Jahren. Am Anfang – bei den ersten Adoptionen – war es weniger auffällig. Es waren ja noch genug andere da, die eine Meinung zu äußern hatten.

Doch jetzt ist es anders… es sind nur noch [Update 07.01.2019:] 2 Innens da, mit denen ich versuchen kann zu kommunizieren und bei diesen habe ich noch so viele Gründe keine Adoptionsentscheidung zu treffen. Egal wie diese Adoptionsentscheidung aussieht – frei lassen oder bei mir halten – es wird eine große Herausforderung und ich bin selbst nach all diesen Erfolgen und dem Positiven was ich daraus ziehen kann immer noch unsicher ob und wie ich da weiter herangehen soll.

[Update 07.01.2019: Durch die Fusion mit dem Kraftprotz Commander hat Kribalg das Biest sehr viel hinzu gewonnen.]

[Update 04.01.2019: Der vernichtende Abbas ist aus der Sicherungsverwahrung entlassen und wurde nun los gelassen. Der Täter befürwortende Cillo aus dem Exil hat sich entschuldigt und ist zur Sonne empor in seine Freiheit aufgestiegen].

Ich schaffe es noch nicht, Kribalg das Biest und den Computer-Nerd the bugfix, an zu nehmen oder in die Freiheit zu entlassen. Ich werde noch einen extra Beitrag schreiben, warum mir das bei diesen Beiden so schwer fällt.

Ich werde immer stabiler und egal wie sehr Einzelne sich von mir annehmen lassen oder in die Freiheit entlassen werden – es bleibt ein unsereins & me. Selbst wenn ich tatsächlich mit diesen letzten fünf zwei noch eine Adoptionsentscheidung schaffen sollte…

4 Gedanken zu „Innerhalb eines Tages“

  1. Puhh sehr krass was du erreicht hast. Etwas zu viel für mich gerade zu verstehen.. aber eine Frage hab ich, kannst du die Adaption und das frei lassen mit deinem vasen Bild mir einmal erklären? Also bei dem Adoptieren stelle ich mir vor das du und der innen zu einer Scherbe werdet, oder? Weil du schreibst ja das die Stimme von dem dann weg ist. Aber was passiert beim Frei lassen?

    Hoff es ist okey das ich mal was frag.

    1. Vielen Dank, dass du fragst! Ich freue mich ganz besonders wenn jemand den Mut hat nach zu fragen :)

      Du hast es vom Prinzip her schon richtig verstanden.

      Wenn du jede einzelne Scherbe betrachtest, hat jede ja nicht nur ihre eigene Form (Fähigkeiten) sondern auch eine eigene Bemalung (Erlebnisse und Erinnerungen) und einen bestimmten Platz und Positionierung (Emotionen und Einstellung).

      Wie ich oben schrieb, kann ich durch die Adoption entscheiden Fähigkeiten, Erlebnisse, Erinnerungen, Emotionen oder Einstellungen anzunehmen und so für mich zu behalten. Dieses Annehmen geht damit einher, dass ich akzeptiere, dass _ich_ all dies erlebt, gefühlt und getan habe und diese nun _meine_ Fähigkeiten, Erlebnisse, Erinnerungen, Emotionen oder Einstellungen sind. Es ist eine Fusion, ein Verschmelzen zu einer größeren Scherbe, bei der ich um all diese Dinge erweitert werde. Ich nehme es mit Dankbarkeit und Wärme an.

      Oder ich entscheide, Fähigkeiten, Erlebnisse, Erinnerungen, Emotionen oder Einstellungen frei zu lassen. In dem Vasenbild entscheide ich, die ursprüngliche Bemalung verblassen zu lassen, die Form nicht mehr abgesondert hervorzuheben und auch den Platz und die Positionierung nicht mehr besonders darzustellen. Ich gebe sie frei, so wie ich einen Schmetterling aus meiner Hand in die Freiheit entlasse, der Sonne entgegen. Es ist ein leichtes Gefühl.

      Wenn ich einen Schmetterling frei lasse, sind ja die Erinnerungen daran nicht vollständig weg – aber wie oft denkt man daran, dass man in der Vergangenheit mal einen Schmetterling auf der Hand hatte und ihn frei lies? Wie stark beeinflusst es im Alltag, das man dies erlebt hat? Letztlich ist auch diese Art des Freilassens ein 'Annehmen'. Denn ich akzeptiere auch in diesem Fall, dass es _meine_ Vergangenheit ist. Meine Fähigkeiten, Erlebnisse, Erinnerungen, Emotionen oder Einstellungen. Ich bin _mir_ aber nicht mehr böse oder in Angst deswegen und ich muss sie nicht in den Alltag hinüber nehmen.

  2. Vielen Dank für die Erklärung.

    Die Scherbe die du frei lässt ist ja trotzdem noch in/an der Vase nur das die Bemalung verblasst. Wie ist diese Scherbe mit dir oder anderen Teilen der Vase verbunden? Denn zu einem Teil verschmolzen wie bei der Adoption ist sie ja nicht. Und was für eine Bedeutung hat diese Scherbe dann noch für dich, für die Vase als ganzes? Fehlen darf sie ja nicht…

    1. Ich schrieb ja:

      •Form = Fähigkeiten dieser Scherbe
      •Bemalung = Erlebnisse sowie Erinnerungen dieser Scherbe
      •Platz = Emotionen dieser Scherbe
      •Positionierung = Einstellung dieser Scherbe

      Es ist eine Adoptionentscheidung wie ich in Zukunft mit den Fähigkeiten, Erlebnissen, Erinnerungen, Emotionen oder Einstellungen umgehe – ob ich sie für mich behalte oder frei lasse.

      Ja, es hat in der Vergangenheit Scherben gegeben die ich ganz aus der Vase entfernt habe. Weil ihre Einstellung sich nicht mit den anderen vereinbaren ließ und es keine Möglichkeit zur Mäßigung oder für Absprachen gab. Ich musste dann leider in den sauren Apfel beißen, gewisse Fähigkeiten nicht mehr so aufgeprägt oder gezielt nutzen zu können. Ich habe mich aber entschieden eine neue, neutrale Scherbe einzusetzen um in diesem Bereich neu und unbelastet starten zu können. Selbst die Erinnerung an diese Scherbe, an ihre Erlebnisse und Emotionen sind bei mir vorhanden – _ich_ habe sie ja miterlebt. Ich muss nenne diese die 'aufgegebenen' Scherben benennen – die, die unsereins & me schon vor längerer Zeit im Interesse der Gesamtheit durch völlig neutrale Scherben ersetzt hat.

      Nachdem dann eine 'finale Zusammensetzung' erreicht war in der alle an ihrem Platz waren, ging es ’nur' noch darum alles dauerhaft miteinander zu verbinden. Dabei kamen zwei Möglichkeiten in Frage: Fusion/Verschmelzung oder 'Aneinanderkleben'.

      Die Fusion macht wie gesagt eine Scherbe aus zwei oder mehreren. Dabei gehen Form, Bemalung, der Platz und die Positionierung auf die neue Gesamt-Scherbe über. Das 'Aneinanderkleben' dagegen ist eine feste Verbindung, bei der die Form, Bemalung, der Platz und die Positionierung der entsprechenden Scherbe bestehen bleibt.

      Ich war bis vor Kurzem der Meinung, dass nicht nur die Vase an sich von der Form her fertig ist, sondern auch alle Scherben nun dauerhaft so bleiben. Es war ein für mich fertiges und stimmiges Bild.

      Es brachte aber mit sich, dass bei einzelnen Stellen der neuen Bemalung die alte Bemalung sehr stark hindurch schimmerte und so im Alltag weiter sehr beeinflusste. Nur diese Bemalung los zu lassen – also nicht darauf zu bestehen, sie zu erhalten, regelmäßig darauf zu schauen oder gestoßen zu werden, konnte unsereins & me helfen noch achtsamer und ausgeglichener zu werden. Allerdings war das etwas, was ich bis dahin nicht wirklich in Betracht gezogen habe.

      Diese verklebten Scherben sind als solche weiter da – sie sind aber frei von den Belastungen für sich selbst als auch für mich. Also ist auch frei lassen ist eine Adoption.

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