Erlebtes, Ionovias Alltagswahnsinn

Abschied und Neuanfang

Ionovias Alltagswahnsinn

Was meine ich damit?

Das ist nicht so leicht und schnell erklärt.

Dazu muss ich vielleicht ein wenig ausholen.

Wie ich bereits in meinem Post "Drunter & Drüber" geschrieben habe, ist die Namensänderung meines Mannes für mich alles andere als einfach. Vom Verstand her ist das alles ok, ich habe mehr als nur Verständnis dafür, dass der alte Name nur mit negativen Erinnerungen behaftet ist und daher die Kleinen jedesmal zusammen gezuckt sind, wenn der Name verwendet wurde.

Doch der Verstand ist nun mal nicht alles. Emotional ist es alles andere als leicht für mich.

Dementsprechend war das auch Thema in den Gesprächen mit meiner Therapeutin in der Klinik. Heraus  gebrochen wie ein Vulkan ist bei meiner Körpertherapeutin Frau S. – sie konnte mich zwar für den Moment gut auffangen, aber als ich dann wieder auf Station war, musste ich mir meinen "Bedarf" holen, damit ich nicht völlig zusammen geklappt bin. Ok, das hatte dann zur Folge, dass ich in den Stunden danach wie ein halber Zombie durch die Gegend geschlichen bin, aber ich kam wenigstens wieder langsam zur Ruhe.

Am nächsten Tag hatte ich dann zum Glück direkt ein Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin. Klar dass wieder alle Dämme brachen – aber es war gut und notwendig.

Sie schaffte es, mich mit Hilfe einer Achtsamkeitsübung wieder zu beruhigen. So war es mir dann auch möglich, die Tipps, die sie mir gab, zu hören, zu verarbeiten und mir Gedanken um die Umsetzung zu machen.

Die Tipps?

Erstens sollte ich versuchen, alte Erinnerungen ( Kennenlernen, Verlobung, Hochzeit, Geburt unseres Kleinen ) mit dem neuen Namen in Verbindung zu bringen.

Zweitens legte sie mir ans Herz, den alten Namen zu begraben und das buchstäblich. Sie machte mir den Vorschlag, ein Kästchen zu besorgen, das mir gefällt; mir ein schönes Papier auszusuchen, auf den ich den Namen schreiben könnte; dann das Papier mit dem Namen in das Kästchen zu legen und dies an einem Ort meiner Wahl zu vergraben. So hätte ich einen buchstäblichen Ort zum Trauern. Als Grund nannte sie mir auch, dass es für mich wichtig sei, einen Ort zu haben, an den ich gehen könnte, wenn ich mal das Gefühl habe, mir wird alles zu viel. Einen Ort, an dem ich meine Trauer, meine Wut und meine Tränen lassen kann.

So viel zur Theorie. Das in die Praxis umzusetzen war eine ganz andere Geschichte.

Ich hatte dann eines Tages in der Beschäftigungstherapie bei Herrn Sch. ein kleines Holzkästchen entdeckt, dass genau meinen Vorstellungen entsprach. Ich legte es mir zur Seite, um dann zum für mich richtigen Zeitpunkt das Kästchen so zu bearbeiten, wie ich es mir vorstellte.

Schließlich schaffte ich es dann, am 21.11. mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich entschied mich dafür, das Kästchen nicht zu lackieren, sondern es natur zu belassen. Und dann habe ich das, was mir gerade in den Sinn kam, mit dem Brenner freihand eingebrannt.

Das Ganze hat eine halbe Stunde Zeit in Anspruch genommen – danach war ich so fertig, dass ich erstmal wieder auf Station bin. Und dort hab ich dann mindestens ein Paket Taschentücher gebraucht. Aber, das Schöne war, dass meine lieben Mitpatientinnen mich in den Arm genommen haben, so dass ich nicht allein war. Das hat mir sehr gut getan.

Ich habe dann auch noch meine Therapeutin erwischt und ihr das Kästchen gezeigt. Sie war sehr beeindruckt, wie ich meine Gedanken in Worte gefasst habe. Auf ihre Frage, ob ich schon einen Ort hätte, an dem ich das Kästchen vergraben wolle, sagte ich erstmal: "Nein". Denn zu diesem Zeitpunkt wusste ich es auch noch nicht. Außerdem fragte sie mich, ob ich den Schritt alleine machen wollte oder ob ich meinen Mann mitnehme. Daraufhin sagte ich, dass ich ihn fragen würde, ob er mitkommen möchte.

Das tat ich dann auch. Wir schrieben miteinander – was von meiner Seite aus wieder sehr tränenreich war – doch am Ende war es gut, denn er schrieb mir, dass er auf jeden Fall mitkommen möchte, da es ihm auch sehr wichtig sei.

Da ich am nächsten Tag Tagesurlaub hatte, haben wir gemeinsam beschlossen, an diesem Nachmittag den wichtigen Weg gemeinsam zu gehen. Mittlerweile wusste ich auch, wohin wir gehen würden.

Es sollte ein Ort sein, an den ich schöne Erinnerungen habe. Und dieser Ort war dann doch recht schnell gefunden: Dort, wo wir unsere Hochzeitsfotos gemacht haben – am Seilersee.

Als wir am Seilersee ankamen, stellten wir fest, dass wir in den letzten 5 1/2 Jahren kein einziges Mal den Weg, auf dem die Fotos entstanden, wieder gegangen waren. Und wir sind oft dort spazieren gewesen – aber nie diesen Weg. So war es ein besonderes Erlebnis, erneut diesen Weg zu gehen. Und gleichzeitig die Möglichkeit, alte Erinnerungen mit dem neuen Namen in Verbindung zu bringen.

Eigentlich hatte ich mir vorher schon einen Ort ausgesucht – doch als wir dann so den Weg entlang gingen, uns an einem Ort länger aufgehalten hatten, merkte ich, dass der ursprünglich ausgesuchte Ort nicht mehr der Richtige war. Also änderte ich meinen Plan und bat meinen Mann, ein Loch zu graben, das tief genug war. Wir setzten uns gemeinsam hin, hielten uns in den Armen und weinten erstmal ordentlich, bevor ich dann das Kästchen in das Loch tat. Nach einer Weile schaffte ich es dann, das Loch zu schließen. Nachdem ich dann noch eine ordentliche handvoll Laub darüber geschüttet habe, war nicht mehr zu sehen, dass hier ein für mich sehr wichtiger Teil meines Lebens "begraben" lag.

Wir blieben noch eine Weile dort, genossen den Ausblick und redeten ganz lange über das, was da gerade passiert war. Mein Liebling meinte dann, es wäre für ihn so, als wäre er auf seiner eigenen Beerdigung – das konnte ich auch gut nachvollziehen.

Schließlich konnte ich ohne Wehmut den Ort verlassen und wir gingen noch den Rest des Weges ab, der den Beginn unserer Ehe begleitete. Wir haben viel gelacht, uns an die schönen und emotionalen Momente erinnert aber auch neue Kraft mitgenommen.

Zum Ausklang und als Belohnung für das, was wir geschafft hatten, waren wir dann noch im "Fuchs und Hase" Kaffee trinken. Das hat uns beiden richtig gut getan.

Das war ein wirklich anstrengender Tag – aber notwendig und absolut wichtig für mich.

Und am nächsten Tag habe ich es dann auch geschafft, meinen Liebling zweimal bei seinem neuen Namen zu nennen – und das war auch gar nicht mehr so schwer, wie ich gedacht hatte.

Ich weiss, es liegt noch ein langer Weg vor mir, denn auch jetzt beim Schreiben dieses Posts kommen mir immer wieder die Tränen. Denn, es ist immer noch alles andere als einfach.

Aber – ich liebe meinen Mann, egal wie sein Name lautet. Und diese Liebe bekomme ich hundertfach zurück. Und diese Liebe bewegt mich, auch diesen für mich schwierigen Weg zu gehen.

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