Erinnerungen

In den letzten Tagen kam in verschiedenen Blogs und in E-Mails mehrfach die Frage auf: "Wie erinnerst du dich?" Die Frage war ursprünglich darauf gemünzt, wie die jeweilige Person sich an Dinge aus dem Leben erinnert. Also quasi in welchem Format die Erinnerungen gespeichert und abgerufen werden. Dann wurde diese Frage erweitert mit dem DIS / DSNNS-Punkt, ob die Innens auch erinnert werden. unsereins & me möchte daher einmal zusammenschreiben, was hier im Laufe der Jahre durch medizinische Fachliteratur zusammengetragen wurde.

Vorab: Vieles von den folgenden Texten ist nicht DIS / DSNNS-spezifisch, sondern trifft auf die Bevölkerung im Allgemeinen zu.

Menschen erinnern sich auf individuelle Weise

Jeder Mensch hat seine ganz persönliche Art und Weise erlebtes zu speichern. Dabei gibt es verschiedene 'Grundvarianten', die zum Teil auch kombiniert auftreten. So gibt es Menschen die sich eher visuell erinnern, andere eher akustisch und wieder andere eher haptisch. Das ist auch logisch, denn wie sollte sich ein von Geburt an Blinder visuell an etwas erinnern? Oder ein taub und blind Geborener? Das Gehirn speichert nach den 'Fähigkeiten' des einzelnen die Erinnerungen ab.

Das bisschen, was die Wissenschaft über die tatsächliche Funktionsweise des Gehirns weiß, ist wirklich als minimal zu bezeichnen. Ein Neurologe der sich auf die Arbeitsweise des Gehirns spezialisiert hat, sagte zu unsereins & me mal im Gespräch: "Wir wissen von dem wie das Gehirn funktioniert ungefähr so viel wie von einer Erbse. Wir wissen, wenn man sie in die Erde steckt und gießt, keimt sie, wächst zu einer Pflanze heran und wir können davon wieder Erbsen ernten. Wir wissen auch, dass bei Zufuhr bestimmter Stoffe die Pflanze besonders gut wächst und unter welchen Umständen sie schlechter wächst. All das aus Beobachtungen – sowohl einfach beim Pflanzenwuchs, als auch beim Betrachten unter dem Mikroskop oder der genetischen Analyse. Aber das warum und wie ist damit nicht geklärt. So auch beim Gehirn. Wir wissen, dass ein Trauma als Erinnerung gespeichert wird. Wir wissen auch wo. Wir wissen durch Beobachtung und gezieltes Testen, dass die neuronalen Verbindungen entscheidend sind. Wir wissen, dass eine Erinnerung körperliche Reaktionen auslösen kann. Wir wissen durch entsprechende Untersuchungen auch, wo im Gehirn was abgespeichert wird. Aber das warum und wie ist damit ebenfalls nicht geklärt."

So kommt es, dass die eine Person bei Erinnerungen sich selbst aus einer Art 'unnatürlicher Vogelperspektive' erinnert, eine Andere so, wie sie durch ihre Augen schaut und eine Weitere sehen 'durch ihre eigenen Augen'. Manche sehen dabei einen komplette Film mit Ton, Andere blenden den Ton aus. Wieder Andere erinnern sich in schwarz-weiß oder als Dia oder Foto wenn sie sich etwas erlebtes wieder 'zurückrufen'. Und da sind dann noch nicht diejenigen erfasst, die sich hauptsächlich über Gerüche, Gehör oder den Tastsinn erinnern.

So kann es also auch sein, dass sich jemand wie mit schwarz-weis Fotos und einer parallel dazu ablaufenden Tonspur sowie dem Geruch, der in der Situation vorgeherrscht hat, erinnert. und eine andere Person, die in der gleichen Situation anwesend war, nicht ansatzweise in der Lage ist, den Geruch des Meeres abrufen zu können, aber sehr wohl genau vor Augen hat, wie der andere hingefallen ist. Dagegen hat der Erstgenannte nur das 'Foto' im Kopf, wie er bereits auf dem Boden liegt.

Wer kann sich erinnern oder erinnert werden?

Je nachdem wie wichtig / einprägsam ein Geschehen für eine Person war und wie sehr es in ihr 'Erinnerungsschema' passt, merkt sich eine Person das Erlebnis schneller, besser und auch detailreicher. Klar: Wer sich eher an Geräusche erinnert als an Gerüche, dem wird es leichter fallen, sich das Meeres-rauschen zurück zu rufen als jemandem, der hauptsächlich mit optischen Eindrücken arbeitet. Dem wird es leichter fallen, die imposante Wellenhöhe vor Augen zu haben.

Wenn nun der Eine mit dem Anderen spricht und erzählt, wie toll das Rauschen war, kann es möglicherweise bei dem Anderen auch wieder abgerufen werden. Die typische Aussage die dann folgt: "Ja, jetzt wo du es sagst, kann ich mich auch wieder erinnern." Es kann natürlich auch sein, dass diese Person einfach keinen Ton dazu abgespeichert hat. Das sind dann die Leute die in der Situation antworten: "Nein, da kann ich mich nicht dran erinnern."

Wenn also Außen-Menschen sich auf unterschiedliche Arten erinnern und sich auch gegenseitig an etwas erinnern können, warum sollte das bei einem DIS/DSNNS-Betroffenen im Innen nicht auch so sein können? 

Das Gehirn eines Multiple ist ja nicht 'dumm'. Es ist normalerweise sehr leistungsfähig. Es müssen viel mehr Charakterzüge ausgeprägt und dargestellt werden können. Die Kommunikationsfähigkeit im Innen und Außen befindet sich abwechselnd in verschiedenen Altersstadien wieder. Gehirnareale, die bei anderen Personen weniger aktiv sind, sind bei Multiple häufig extrem aktiv. Entsprechende bildgebende Verfahren sind ja vorhanden – die Auswertungen dazu sind nur noch nicht so weit fortgeschritten, dass sich damit absolute Diagnosen stellen lassen. Aber das 'welcher Gehirnbereich ist aktiv' lässt sich darstellen. Auch lässt sich nachweisen, dass je nach Persönlichkeit, die im Innen / Außen präsent sind, andere / zusätzliche Gehirnbereiche aktiver sind. Und so sind auch die Menge an Informationen die bei Multiplen von einigen Persönlichkeiten abgerufen werden können regelrecht gigantisch.

Oft ist bei mindestens einer der Persönlichkeiten ein fotografisches Gedächtnis vorhanden. Andere Persönlichkeiten sind dagegen sprachlich oder künstlerisch sehr begabt. Wieder andere sind Technik-affin oder besonders gut im Umgang mit Menschen. Oftmals geht das sogar über das hinaus, was ein 'Uno' in seinem Leben an Fähigkeiten abrufen kann.

unsereins & me kennt eine Menge an Multiplen, die verschiedenste Berufe erlernt oder ausgeübt haben, die künstlerisch aktiv sind, ein oder mehrere Instrumente spielen, einen grünen Daumen fürs klassische Gärtnern haben, ehrenamtlich tätig sind, (mehrere Fächer) studiert haben, eine Familie gegründet haben, sich auf einen Partner an ihrer Seite sehr gut eingestellt haben, in der Schule engagiert sind, sportlich aktiv sind, mit Erwachsenen wie auch Kindern sehr gut umgehen können, einen Führerschein gemacht haben, den Schulabschluss geschafft haben, nähen und schneidern in top Qualität, Bonsais züchten und pflegen, für ein oder mehrere Haustiere Verantwortung tragen oder sogar in medizinischen Berufen tätig sind.

Und unsereins & me kennt ganz viele 'Unos', die bereits an nur einer dieser Dinge scheitern…

Warum kann ich mich dann nicht erinnern?

"Na toll! Ich bin Multi und habe ein Gedächtnis wie ein Sieb! Ich kann mich nicht an das erinnern was vor einer Stunde war, geschweige denn daran, was früher alles Geschehen ist", mag der ein oder andere wohl gerade denken.

Wissenschaftlich gesehen ist Erinnern das Abrufen gespeicherter Informationen über die neuronalen Verbindungen des Gehirns. Da hat jedes Gehirn so 'ein oder zwei paar' von :D 

Die Komplexität unseres Hirns kommt nicht nur daher, dass es viele Neuronen besitzt, […]. Es sind vor allem die 1.000 bis 10.000 Verbindungen, Synapsen genannt, die von jeder Hirnzelle zu anderen führen […]. Das menschliche Gehirn enthält etwa 100 Milliarden Nervenzellen, das ist eine Eins mit elf Nullen. […] Zahl der Synapsen im menschlichen Gehirn, nämlich zwischen 100 Billionen und einer Trillion.

Die Zeit

Wenn diese Verbindungen nicht genutzt werden / blockiert sind, kommt man nur schwerlich an die in den Neuronen gespeicherten Informationen. Und die DIS/DSNNS mit der Zersplitterung der Persönlichkeit geht ja damit einher, dass das neuronale Netz anders ausgeprägt ist. Es wird ja nicht umsonst von "Abspaltung" gesprochen. Aber das Gute: Das Gehirn ist immer lernfähig. Auch das Gehirn eines Multiplen!

Aufgrund der immensen Anzahl von möglichen Verbindungen in unserem Gehirn sind wir in der Lage, riesige Massen an Informationen zu verarbeiten. Allerdings ist unsere Verarbeitungskapazität beschränkt und hindert uns oft daran Sachverhalte schneller zu verstehen oder Probleme effektiver zu lösen. Dies kann allerdings trainiert werden. Denn Zeit unseres Lebens ist das Gehirn fähig zu lernen und neue Verbindungen zu schaffen.

Neuronation.de

Ja, es setzt wahrscheinlich mehr Willen und Mut voraus, um sich den Dingen zu stellen, die Abgespalten sind, aber das macht es dennoch nicht unmöglich.


Ihr da draußen, liebe Mit-Betroffene von DIS / DSNNS gebt nicht auf! Zweifelt nicht so sehr an euch und an eurer Vergangenheit. Glaubt an euch, an das Erlebte, an das Überlebte, an eure Leistungen bisher und nutzt bitte eure Ressourcen die ihr habt. Ihr habt bis hier hin alle einen Kampf gekämpft und bereits ganz viele 'Schlachten' gewonnen. Ihr könnt noch wesentlich mehr erreichen!

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