Der Futteral-Riese – Kapitel 1

Inhalt

  1. Prolog
  2. Eine besondere Welt
  3. Esephs Erleuchtung
  4. Der Plan
  5. Diebe!, Diebe!
  6. Der Forker
  7. Die Fremde
  8. Ehrlich sein
  9. Anhang: Stichwörter

Der Himmel war strahlend-blau an diesem Tag. Die Sonne schien warm, Ematie und Ibanu wendeten das Heu. Alles war friedlich – so wie man es hier seit jeher gewohnt war. „Krächz, Krächz“, schallte es durch die Gegend und die Krähen flogen fort…

Oh, entschuldigt, ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Itheri, ich bin der Geschichtsschreiber von Einrund, dem einzigen Ort in Meureth. Ich denke es ist vernünftig dir einen Einblick in unsere Welt zu geben, bevor du mehr von uns persönlich erfährst.


Eine besondere Welt

Meureth hat bereits von Anbeginn an Frieden. Es gibt blühende Landschaften, wundervolle Seen, Wälder und reiche Vorkommen an Kupfer und Steinen. Auch einiges ganz besonderes ist hier zu entdecken. Ich stamme aus der Klein-Adlersburg, dem burgähnlichen Haus am Ausguck. Es gibt acht Häuser in Einrund, sowie den alten Ausguck und das Lager. Insgesamt gibt es 26 Einwohner in Meureth – davon 10 Kinder und Jugendliche. Da wir nur so wenige sind, muss jeder anpacken und hat so seine Aufgaben. Die Wälder von Meureth sind von edler Schönheit. Wie alles in Einrund ist auch der Wald von Meureth gepflegt und wirkt wie von einem Gärtner angelegt. Die Tiere äsen hier immer friedlich auf den Wiesen am Waldrand und alles geht wie immer seinen ruhigen, friedlichen Gang. Ich zeichne Euch am besten ein einfache Karte, damit Ihr Euch gut zurecht findet auf der Reise durch unsere Geschichte in unserer ganz besonderen Welt.

Einrund im Westen, die Metall-Bögen direkt östlich davon. Südlich von Einrund der Schwarzberg und der Rotberg, südlich der Metall-Bögen liegt das Heufeld. Der Dreisee in der Mitte, geteilt von den Gärten und dem großen Baumstamm. Im Norden der Düsterforst, ganz im Nordosten die Steinbrüche.


Esephs Erleuchtung

Der Himmel war strahlend-blau an diesem Tag. Die Sonne schien warm, die Bauern Ematie und Ibanu wendeten das Heu. Alles war friedlich – so wie man es hier seit jeher gewohnt war. „Krächz, Krächz“, schallte es durch die Gegend und die Krähen flogen fort…

„Guten Tag Eseph, wie geht es dir?“ Eseph saß regungslos auf dem Baumstamm am Rande des Heufeldes. Keine Reaktion war auf seinem Gesicht zu erkennen. „ESEPH! Träumst du schon wieder?“ Er zuckte zusammen und sprang auf: „Ja-a! Nein! Bei der A-arbeit!!“ Dann schaute er verstört zu mir herüber und war schon auf dem Sprung, als er realisierte, dass sein Gegenüber keiner der Bauern war.

„Oh, Sie sind es. Ich da-achte Iba-anu würde mit mir schimpfen, weil ich nicht bei der A-arbeit bin“, und schaute etwas verunsichert zu mir herüber.

„Es ist ja auch fast immer das Gleiche mit dir. Du sitzt herum und träumst in den Tag hinein. Eines Tages werden dich die Bauern nicht mehr als Erntehelfer beschäftigen.“ Noch während Ich redete, bekam Eseph schon wieder seinen seltsamen Blick und stammelte: „A-aber mir gehen so viele Dinge durch den Kopf.“

„Du solltest lernen dich zu konzentrieren… Wo soll das sonst hinführen?“, fragte ich ihn, ohne eine Antwort zu erwarten. Ich kannte den Eseph schon seit seiner Geburt. Und bereits als kleiner Junge war Eseph ein Tagträumer – er stand auf Kopf-Plateau herum und brauchte für alles extrem lange. Wenn die anderen Kinder Bore-Bore spielten, bekam Eseph den Runbor meist nur an den Kopf geschossen und war nicht in der Lage den Runbor selber zu treten. Eseph musste teilweise sogar Hohn und Spott von den anderen Kindern erdulden. Selbst die Erwachsenen, die normalerweise sehr friedlich sind, hatten ihre liebe Not mit dem Verhalten von Eseph.

Auch als er erwachsen wurde, wurde es nicht wirklich besser. Ich hatte vergeblich versucht, Eseph das Geschichtsschreiber-Handwerk beizubringen. Immer wieder war Eseph dabei so unaufmerksam und fern der Welt, dass er mich schier zur Verzweiflung trieb.

„Ich konzentriere mich doch…“, erwiderte Eseph, „… a-auf a-alle meine Geda-anken… Ich ha-abe eine Idee für einen A-apa-ara-at, der die A-arbeit der Ba-auern erleichtert… und ich weiß, wie es möglich ist, den Ra-and zu erklimmen… ich gla-aube, da-ass jema-and unsere Zeit bestimmt…“

„Es reicht Eseph! Du verlierst dich wieder in unnötigen Dingen! Die Bauern haben ihre Methoden, die seit Ewigkeiten gut funktionieren. Sie kennen die Zeit fürs Ernten und bewässern die Felder so, dass es gut ist. Wir haben immer gute Ernten. Und warum sollte man über den Rand wollen? Du weißt aus den Geschichtsbüchern, dass man den Ausguck gebaut hatte, weil vorher schon andere auf die wahnwitzige Idee kamen über den Rand schauen zu wollen. Das was in den Büchern geschrieben steht zeigt, die Gefahren klar auf. Nicht umsonst ist der Ausguck gesperrt worden! Und jemand bestimmt unsere Zeit? Es wird Tag, es wird Nacht – wann immer es will. So ist der Lauf der Dinge. Wir wissen nicht wann. Es geschieht einfach. Also geh deiner Arbeit nach, und helfe beim wenden des Heus, bevor es wieder dunkel wird…“ Ich drehte mich kopfschüttelnd um und ging in den angrenzenden Wald.

„Immer das gleiche“, schoss es Eseph durch den Kopf und eine Minute später, als er sich seine Forke nahm um das frisch gemähte Gras zu wenden murmelte er: „Immer da-as gleiche.“ Er hielt inne. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass er in seinen Gedanken gar nicht stotterte. Schmina die Lehrerin hatten ihm immer gesagt, sein Stottern sei ein Zeichen dafür, dass er nicht so schlau und auch viel langsamer sei wie alle anderen.

„Wenn ich denken kann ohne zu Stottern, dann bin ich auch genauso schnell wie die anderen… zumindest in meinem Kopf… Vielleicht bin ich sogar viel schneller in meinem Kopf als die anderen. Ich muss ja schließlich mein Stottern aufholen.“ Eseph ließ die Forke fallen, als ihm klar wurde was er gerade gedacht hatte und rannte mir hinterher.

„Itheri, Itheri… Ich ha-abe etwa-as hera-ausgefunden.“ Ich drehte mich um und schaute fragend in Esephs Gesicht. „Wenn ich denke, bin ich schneller a-als a-alle A-anderen. Ich stottere beim Denken ga-arnicht! Und ich stottere nur, wenn ich ein A-a spreche! Wenn ich kein A-a mehr benutze, bin ich bestimmt schneller a-als a-alle A-anderen!“

Ich war ob dieser Aussage mehr als nur verwundert und fand kaum Worte. Als ich mich gerade gefasst hatte, legte Eseph los: „Der Wechsel von Hell na-… zu Dunkel findet nie zur gleichen Zeit sta-… er ist immer zu unterschiedlichen Zeiten. Wieso ist es so? Heu wenden wir von Ha…mit der Forke. Wenn ich mehrere Forken miteinander verbinde, geht es viel schneller mit dem Wenden. Noch nie ist jemand bei der Spitze des großen Sta-… Holzes gewesen – dort wo es schimmert. Sicher sind dort Dinge die wir gut gebra-… nutzen können. Hinter dem Ra-… der Höhe ist ein großes Nebelgebiet. Wenn wir herüber klettern, da-… werden wir bestimmt neues entdecken. Wer weiß wa-… ob uns durch diese Entdeckung nicht…“

„STOP! STOP! STOP! Eseph… Du bist selbst mir zu schnell… Wie soll ich da mitkommen?“ Ich war regelrecht außer Atem, so hatte mich der Redeschwall von Eseph mitgerissen.

Alle altbekannten Probleme Esephs hatten sich für ihn nun mit einem Schlag erledigt. Welche neuen Probleme würden nun auf Ihn zukommen, jetzt wo er in der Lage war nicht nur schneller zu denken als die Anderen, sondern auch noch viel schneller zu  sprechen, als die Anderen überhaupt erfassen konnten? Eseph verdrängte den Gedanken sofort wieder. Das alles war viel zu Gut, um sich Gedanken über die möglichen Nachteile zu machen. Er war sich sicher: NUN würde endlich sein Leben anfangen… Er würde Erfolg haben und anderen Helfen können bei ihren Problemen.

„Entschuldigt Itheri, ich muss zu Herrn Königsbruch. Ich will dem Ortsvorsteher meine Erkenntnisse mitteilen.“ Ich schaute Eseph fragend an: „Zum Ortsvorsteher? Du? Was in aller Welt hat dich gerade geritten?“

„Ihr könnt mir sicher helfen schnell einen Termin bei ihm zu bekommen. Ihr seid der Geschichtsschreiber von von Meureth. Ihr seid oft bei ihm!“, fügte Eseph an.

„Ich werde dir nicht helfen Eseph – ich blamiere mich doch nicht vor ihm und nehme einen Narren mit zu den Besprechungen mit dem Ortsvorsteher!“

Ich war erbost über den Vorschlag von Eseph. Doch Eseph ließ sich nicht beirren. Wenn er wirklich schneller dachte als andere, hatte er im Kopf sicher bereits einen Plan, wie er mir das zeigen könnte – um mich umzustimmen.


Der Plan

In den nächsten Tagen fing Eseph an sich Dinge aufzuschreiben – er suchte nach alternativen Wörtern um Dinge beschreiben zu können, ohne das lästige „A“ zu verwenden. Damit würde es ihm bekommen auf vernünftige Weise mit dem Dorfvorsteher reden zu können.

„So schwer ist es nicht. Ich denke einfach so schnell, dass ich mir andere Worte zum Sprechen denken kann“, raste es durch seinen Kopf. „Direkt… wenn ich genug Wörter gefunden habe, werde ich einen Beweis erbringen. Den Beweis, der den Höhen den Schrecken nimmt“, sagte Eseph zuversichtlich zu sich selbst und dachte weiter: „Damit mich der Ortsvorsteher aber in Ruhe anhört muss ich vorher schon zeigen, dass ich nicht nur ein Bauernjunge bin. Ich werde die Maschine bauen mit der Heu schneller gewendet wird.“

Eseph ging zu den Metall-Bögen – Marthus dem Metaller würde er sicher genug Metall abschwatzen können um die Maschine bauen zu können. Aber Marthus dazu zu bewegen, etwas anderes als die bekannten Geräte zu bauen – das würde ein unmögliches Unterfangen. Er würde das daher erst gar nicht versuchen. Als Eseph zu Marthus ging, riefen die Bauern hinter ihm her: „Eseph! Heu wenden!“, doch er tat so als ob er nichts hörte. Marthus zu erzählen, er wäre fasziniert von dem Metall und er würde gerne etwas haben, da es so glitzert, führte dazu, dass dieser ihm einen begeisterten Vortrag über die wunderbaren Eigenschaften des Metalls hielt.

„Momentan sind alle Geräte die wir haben sehr gut in Schuss, da kann ich dir etwas geben“, sagte Marthus und schob mit hoch gestreckten Zeigefinger hinterher: „Verliere es nicht, Metall muss man achten!“ Erst als Eseph kopfnickend bejahte erhielt er das Stück hell glänzende Metall.

Eseph entschied sich, im Wald ein kleines Lager aufzuschlagen. Etwas Abseits von den Wegen. Alle Werkzeuge waren im Haus seiner Mutter zu finden. In dem Lager könnte er an seiner Idee mit den Forken arbeiten. Aber er bräuchte außer seiner mindestens noch zwei weitere Forken. Ematie und Ibanu würden ihm ihre sicher nicht geben, also entschloss er sich, sie Abends zur Seite zu schaffen. Alle drei Forken. Die Nacht würde sicher bald wieder hereinbrechen, es wurde bereits etwas dunkler.

Eseph hatte seinen Plan im Kopf gerade zusammengestellt, als das laute Rumpeln ihn aus den Gedanken riss. Das Rumpeln kennt jeder auf Meureth. Es ist überall zu hören – jenes Geräusch, das anzeigt, dass es in wenigen Augenblicken Nacht wird. Und so auch diesmal. Doch es war diesmal eine stockfinstere Nacht. Das geschah nur sehr selten. Meist war noch ein kleines Schimmern von oben zu sehen.  Eseph brauchte ein paar Sekunden um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Sobald er wieder sehen konnte und merkte, dass die Bauern gegangen waren, war es Zeit seinen Plan umzusetzen.


Diebe!, Diebe!

Am nächsten Morgen war der Aufruhr groß in Einrund. Ganz Einrund war am Heufeld zusammengekommen. So etwas hatte es noch nie gegeben. Ja, natürlich waren schon mal Dinge von jemandem verlegt worden. Aber das drei Forken auf einmal verschwanden – das gab es noch nie! Herr Königsbruch wurde gerufen und begab sich ziemlich missmutig zum Feld. Der Ortsvorsteher war außer sich und legte los:

„Diebe, Diebe in Einrund! Das darf nicht sein. Jeder kennt hier jeden. Niemand hat hier einen Grund drei Forken zu stehlen. Eine Forke. Ja – um vielleicht der Arbeit zu entgehen…“ – alle schauten zu Eseph und er erschrak – „Aber drei Forken!“, fuhr Herr Königsbruch fort, „Drei! Niemals! Hier ist keine Spur von dem Dieb zu sehen. Und etwas zu stehlen ohne eine Spur zu hinterlassen, bedeutet der Täter muss sehr intelligent sein.“ Nun wendeten sich die letzten Blicke von Eseph ab. Er atmete erleichtert auf. „Phuuuuu, noch nie habe ich mich so gefreut für Dumm gehalten zu werden“, dachte er.

„Marthus hätte noch einen Grund. Der hat ja nichts zu arbeiten sonst“, murmelte es in der Gruppe. Spätestens jetzt war klar, dass nun jeder jeden beschuldigen würde und dass der Frieden kräftig gestört war.

Ich, Itheri, entschloss mich, dazwischen zu gehen: „Egal wieso sie weg sind wir benötigen neue Forken, damit die Bauern weiter arbeiten können. Wir sind auf das Heu angewiesen und ich erinnere nur ungern daran, dass es mal eine Zeit gab, wo fast alles an Heu verschimmelte, weil es nicht gewendet wurde. Die Geschichtsbüch…“ – weiter kam ich nicht. Herr Königsbruch musste seiner Aufgabe als Ortsvorsteher gerecht werden: „Ich verfüge, dass Marthus vier neue Forken macht und dass Kosah für heute auf dem Feld hilft. Wir müssen die verlorene Zeit wieder aufholen!“, sprach es und ging zurück zu seinem Haus.

Kosah schaute alles andere als begeistert. Er ist nicht gerade dafür bekannt viel zu arbeiten – seine Frau Schmina ist die Lehrerin in Einrund und er – naja – er ist Kosah. Was er so den ganzen Tag macht, ist eigentlich nicht wirklich klar. Er taucht nur immer wieder plötzlich auf, gibt wissende Kommentare ab und verschwindet dann wieder. Doch der Ortsvorsteher hatte gesprochen. Marthus ging sofort an die Arbeit: „Vier Forken, das kann ich ganz schnell erledigen.“ 

Ich ging zurück an meine Bücher. Das musste aufgeschrieben werden!


Der Forker

Eseph war ziemlich angeschlagen. Ihm war klar, dass er an der Unruhe schuld war. „Es ist ja nur geliehen“, versuchte er sich zu beruhigen. Er musste schnell mit seiner Erfindung fertig werden. Aber wenn er nun zu seinem Versteck ging, würde es auffallen. Er musste wieder bis zur Nacht warten. Doch da er ja nun gerade keine Forke zur Hand hatte, konnte er sich hinsetzen und seine Idee im Details aufzeichnen.

Scheiben von Baumstämmen würden es möglich machen, den Forker hinter sich her zu ziehen. Die Stangen der Forken würden den Rahmen bilden und das Metall, das er von Marthus hatte, würde er verwenden um alles miteinander zu verbinden. Eseph war sich sicher, dass es funktionieren würde und dann die anderen ihm auch erlauben würden, seine anderen Ideen umzusetzen.

Marthus hatte bereits am selben Tag die vier neuen Forken angefertigt. Die Stimmung war immer noch sehr von Argwohn geprägt. Die Bauern, Kosah und Eseph arbeiten hart um das Heu zu wenden. Da musste Eseph nun durch, wenn er nicht wollte, dass es später nur noch mehr Probleme geben würde. Er hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen und wusste dass die nächsten Tage und Nächte hart werden würden. Tagsüber Heu wenden und Nachts seinen Forker bauen. Aber er würde es schaffen.

Seiner Mutter und auch den Bauern fiel in den nächsten Tag seine Müdigkeit auf,  auch dass er noch abwesender war als sonst – was die Meisten wohl gar nicht für möglich gehalten hätten – konnte keiner übersehen.


Die Fremde

Vier Nächte hatte Eseph nun schon an seinem Forker gearbeitet und hatte doch eine ziemliche Schwierigkeit mit dem Verbinden der Einzelteile. In jener Nacht kam er wieder an sein Lager im Wald und war fassungslos. Da stand der Forker. Fertig! Genau so wie er es gezeichnet hatte. Aber wie? Keiner aus Einrund wusste von seinem Lager. Er war sich sicher, dass ihm niemand gefolgt war. Auch fand er keine Fußspuren im feuchten Waldboden. Es gab doch niemand anderen weit und breit. Er war nun total verunsichert. Sollte er sich freuen? Was würde passieren, wenn er seine Erfindung zeigen würde?

Er erschrak! Da hatte doch etwas im Unterholz geknackt!?! Eseph schaute sich um. Da! zwei Augen funkelten ihn in der Nacht an – nur ein paar Fuß entfernt genau auf seiner Augenhöhe. Was für ein Tier war das? Eseph fragte: „Wer ist dort?“ Die Augen fixierten ihn. Langsam trat eine Gestalt aus dem Gebüsch. Es war offensichtlich eine Frau, die Eseph aber noch nie gesehen hatte. Sie war absolut sicher nicht aus Einrund. „Wer bist du?“, war die logische Frage gefolgt von: „Wo kommst du her?“ Mehr konnte Eseph nicht sagen, seine Mund stand vor erstaunen nur noch offen.

„Ich bin Niri und wohne in einer kleinen Hütte hier im Wald. Ich habe dich in den letzten Tagen hier gesehen und beobachtet. Normal kommt in den Dunkelforst keiner von euch. Du hast dort eine interessante Idee gehabt. Ich hoffe es war in Ordnung, dass ich etwas weiter gebaut habe.“

Esephs Gedanken überschlugen sich und all seine Vorsätze bezüglich des lästigen „A“ waren nun vergessen: „Niri? Hütte? Idee? Wa-arum? Wesha-alb? Wa-as willst du hier? Seit wa-ann bist du hier? Wie kommst du da-azu im Wa-ald zu wohnen?“ 

Eigentlich hätte Eseph nun gerade hunderte von Fragen stellen können aber ehe er sich versah sagte Niri: „Ein anderes mal. Du kannst mich in einigen Tagen hier Treffen wenn es wieder dunkel ist. Aber jetzt solltest du wieder zurück nach Einrund. Schlafen und morgen früh aufstehen – vor allen anderen – um deine Erfindung zu zeigen.“ Und so plötzlich, wie sie aufgetaucht war, war sie wieder im Dunkel der Nacht verschwunden.

Eseph schwirrte der Kopf. Alles was er aus der Geschichte von Meureth und Einrund kannte war eindeutig: Einrund ist die einzige Siedlung auf Meureth. Es gibt nichts außerhalb von Meureth. Es gibt in Meureth nur die bekannten Tiere und Pflanzen. Alles wurde erforscht und entdeckt. Doch seine Vermutung, dass es etwas außerhalb von Einrund – außerhalb von Meureth – gibt, das nicht nur einfach gefährlich und verboten ist, war nun noch mehr bestärkt.

„Erstes vor dem Zweiten“, sagte er. Zuerst den Forker zeigen und zugeben, dass er die Forken genommen hatte. Erklären, warum er das gemacht hatte: Um zu helfen. Um die Arbeit leichter zu machen. Den Rest – Niri – würde er besser erst einmal verschweigen. Da brauchte er selbst Zeit um alles zu verstehen und noch mehr Informationen zu erhalten.


Ehrlich sein

Seine Mutter hatte es ihm immer gesagt: Ehrlichkeit ist ganz wichtig. Ohne Ehrlichkeit wird es in Einrund keinen Frieden geben. Und er hatte dagegen verstoßen. Er hatte den Frieden gefährdet. Das musste er nun wieder richten. Eseph stand an diesem Morgen sehr früh auf, ging in den Wald – immer wieder um sich schauend – und zog den Forker auf das Heufeld. Ganz alleine legte er mit der Arbeit los. Mit dem Forker konnte eine Person nicht nur die Arbeit von drei Personen erledigen, es war auch viel leichter ihn zu ziehen, anstatt immer wieder mit einer Forker in das Heu zu stechen um es zu wenden.

Als Ematie und Ibanu am Feld ankamen, war Eseph gerade dabei die letzte Bahn Heu zu wenden. Sie trauten ihren Augen kaum als sie sahen, wie das Heu durch die Luft wirbelte und locker gewendet wieder zu Boden fiel. Ibanu rannte sofort zum Ortsvorsteher. Das musste er mit eigenen Augen sehen!

Der Aufruhr war entsprechend groß. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage kam das ganze Dorf zusammen. Als Eseph sah, dass alle da waren, ließ er den Forker los. Ganz aufgeregt aber mit fester Stimme rief er: „Ich möchte mich entschuldigen. Es ist nicht gut gewesen die Forken zu nehmen ohne Genehmigung. Es ist nicht gestohlen sondern geliehen um dies für euch zu erstellen: Der Forker erleichtert es, Heu zu wenden.“

Allen fiel auf, dass Eseph kein einziges Mal gestottert hatte. Seine Sätze klangen zwar etwas seltsam, aber jeder konnte diesmal seinen Worten folgen. Herr Königsbruch ging als erster nahe an den Forker heran und musterte ihn und Eseph sehr genau. Nochmals sagte Eseph leise: „Entschuldigung.“

Dann die Erleichterung! „Ja, Eseph, es war nicht gut, die Forken einfach zu nehmen. Das war ein Vertrauensbruch. Aber wir haben auch einen Fehler gemacht über all die Jahre. Wir haben dir nicht zugehört und dir nicht geglaubt. Wir verzeihen dir und wir hoffen du verzeihst uns auch“, sagte Herr Königsbruch ungewohnt sanft. Die anderen Bewohner von Einrund staunten nicht schlecht und waren Hin und Her gerissen: Herr Königsbruch war milde, gab Fehler zu und bat selbst um Entschuldigung. Und es gab da nun dieses Gerät, den Forker. Das hatte es beides noch nie vorher gegeben!

Eseph hatte in den nächsten Tagen fast jedem nochmal zu erklären, wie er auf die Idee kam und wo er das ganze gebaut hatte. Sogar die Kinder waren ganz interessiert und schauten darüber hinweg, wenn er doch mal wieder über ein „A“ stolperte. Eseph war nun ein Teil des Dorfes. Er gehörte dazu.

Doch dabei vergaß er Niri nicht – er wusste ohne sie hätte er es wahrscheinlich nicht so schnell geschafft. Aber wie er es sich vorgenommen hatte, würde er sie nicht erwähnen, bis es für sie auch gut wäre. Nein, das war keine Unehrlichkeit, sondern ein weises Vorgehen. Eseph war erwachsen geworden und wusste nun um die Verantwortung die er trug. Alles würde zu einer bestimmten Zeit auch den anderen sagen können.

Wie es mit Eseph, den anderen in Einrund, Miri von der noch keiner im Ort etwas wusste, der Entdeckung deiner Welt und wie es mit mir weitergeht, erfährst du in einer meiner nächsten Geschichten.

Ich bin Itheri, der Geschichtsschreiber von Meureth.


Anhang

Stichwörter

Hier eine Auflistung verschiedener Orte und Namen, die immer wieder vorkommen.

  • Meureth: Die Welt von Eseph, Itheri und den anderen
  • Einrund: Die Siedlung in Meureth, Heimat von Itheri
  • Klein-Adlersburg: Wohnhaus von Itheri, Eseph nennt es auch Klein-Vogelsburg um das „A“ zu vermeiden.
  • Dreisee (Oberer, Mittlerer und Unterer): Der See in Meureth
  • Schwarzberg und Rotberg: Die zwei größten Berge auf Meureth
  • Düsterforst: Der Wald im Norden von Meureth

 

  • Ematie und Ibanu: Das Bauern-Ehepaar
  • Itheri: Der Geschichtsschreiber von Meureth
  • Eseph: Der Tagträumer mit einem Sprachfehler.
  • Schmina: Die Lehrerin
  • Kosah: Der Mann von Schmina
  • Herr Königsbruch: Der Ortsvorsteher
  • Marthus: Der Metaller
  • Niri: Die unbekannte Frau ohne “H” im Namen

 

  • Bore-Bore: Der Sport der Kinder bei dem ein mit Sand gefüllter kleiner Sack, der Runbor, in der Luft hin und her geschossen wird.

4 Gedanken zu „Der Futteral-Riese – Kapitel 1“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Zustimmung zur Datenspeicherung gemäß DSGVO (Pflichtfeld)