Auf der Suche nach…

…Berichten sowie Kontakt zu anderen Betroffenen von DIS/DSNNS, die sich selbst als 'Integriert' verstehen und einen Umgang mit ihrem Innen gefunden haben, der an das herankommt, was in der Fachliteratur als ’normales Leben führen' definiert wird. Was meint unsereins & me damit?

Wenn man verschiedenste Fachliteraur durchwühlt, werden immer wieder Aussagen ähnlich der getroffen, die auch im Internet zu finden sind:

Ziel der Therapie ist es, die verschiedenen Persönlichkeitsanteile zusammenzuführen. Eine vollständige Integration ist allerdings nicht immer möglich. […] Auch wenn eine vollständige Integration nicht gelingt, arbeitet der Therapeut daran, dass die verschiedenen Anteile miteinander kommunizieren.

Wenn der Patient alle inneren Anteile kennen lernt, erlangt er zunehmend ein Gefühl von Identität. Je besser die Persönlichkeitsanteile integriert sind, desto leichter fällt es der Person, im Alltag zurechtzukommen. […] Trotz der Schwere der psychischen Störung, kann die multiple Persönlichkeitsstörung so erfolgreich behandelt werden, dass die Betroffenen ein weitgehend normales Leben führen können.

netdoktor.de / Julia Dobmeier

Zwar erleben nicht alle Patienten eine vollkommene Integration all ihrer Teilidentitäten, vielen ist es jedoch möglich, mehr Lebensqualität zu gewinnen und ein relativ normales Leben zu führen.

Vivelia

Im ersten Schritt sollten die Charaktere im Unbewussten sich kennen lernen, um dann miteinander zu arbeiten. Im zweiten Schritt sollten sie sich Stück für Stück auflösen – im Idealfall verschmelzen sie zu einem Wesen, das heißt, der Betroffene integriert sie in seiner ganzen Person.

Doch genau dagegen sträuben sich viele Patienten. Sie haben sich so an diese unterschiedlichen Personen gewöhnt, dass sie befürchten, sich selbst zu verlieren, wenn ihnen diese Anderen Ichs abhanden kommen.

heilpraxis.net / Dr. Utz Anhalt

Kernstück einer solchen Behandlung ist eine individuelle Langzeit-Psychotherapie mit dem Ziel, eine Verbindung, Zusammenarbeit und Integration der verschiedenen Selbst-Zustände zu fördern.

Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung müssen lernen, als einheitliche Personen zu leben.

Ursula Gast (Das zersplitterte Selbst, PDF)

Die Behandlung sollte den Patienten so weit wie möglich zu einem besseren integrierten Funktionieren führen.

Der Kern des therapeutischen Prozesses ist es, den Persönlichkeitsanteilen zu helfen, sich gegenseitig als berechtigte Teile des Selbst wahrzunehmen und ihre Konflikte zu diskutieren und zu lösen.

Integration [ist ein] langwieriger Prozess, in dessen Verlauf alle Aspekte der dissoziativen Gespaltenheit rückgängig gemacht werden.

Fusion […] bezieht sich auf einen Zeitpunkt, zu dem sich zwei oder mehr Persönlichkeitsanteile als zusammengehörig fühlen und ihre Eigenständigkeit völlig ablegen.

Abschließende Fusion […] steht für den Zeitpunkt, an dem sich die Selbstwahrnehmung des Patienten verändert – vom Gefühl vieler Persönlichkeitsanteile zu einem einheitlichen Selbst. […] Die abschließende Fusion […] aller Persönlichkeitsanteile [stellt] das stabilste Therapieergebnis [dar]. Allerdings werden viele DISPatient(inn)en diese abschließende Fusion selbst nach umfänglicher Behandlung nicht erreichen oder eine abschließende Fusion nicht als wünschenswert betrachten.

Deshalb kann ein realistischeres Langzeitergebnis für manche Patient(inn)en ein kooperatives Arrangement sein, manchmal auch „Übereinkommen“ (engl. resolution) genannt. Es beinhaltet ein ausreichend integriertes und aufeinander abgestimmtes Zusammenarbeiten zwischen den Persönlichkeitsanteilen, um optimales Funktionieren zu fördern.

Dennoch laufen solche Patient(inn)en, die ein kooperatives Übereinkommen anstatt einer abschließenden Fusion erreichen, eher Gefahr, später zu dekompensieren (in eine volle DIS oder PTBS), wenn sie erheblichem Stress ausgesetzt sind.

Selbst nach abschließender Fusion kann die Arbeit an bleibenden dissoziierten Denkweisen oder dem Erleben weitergehen.

Michaela Huber (Expertenempfehlung, PDF)

Update 23.01.2019:

Nun stehe ich da mit abgeschlossener Fusion als integriertes System. Einer der Punkte, die mich bisher hinderten weiter zu gehen war, dass ich befürchtete, mich selbst und besonders gewisse Fähigkeiten zu verlieren, wenn mir alle anderen Ichs abhanden kommen. Es waren so viele Veränderungen in den letzten Monaten, dass ich zwischendrin etwas Zeit zum Atmen brauchte. Doch ich ging diesen Weg weiter – Schritt für Schritt. Und tatsächlich konnte ich auch diesen Punkt für mich klären:

So fühle ich mich gut. Eine Persönlichkeit, die den Mut hat unterschiedlich stark ausgeprägte Facetten und Fähigkeiten zu zeigen und zu entscheiden, welche Facetten nicht mehr ausgelebt werden. Es ist ein mit sich selbst im Einklang sein.

Ich nehme mich als eine Person wahr, die nun den Mut hat, einzelne Facetten zu zeigen und die Kraft Facetten die schädigend sind nicht auszuleben.

Ich werde dennoch weiterhin Therapie benötigen. Wie kann ich Dinge richtig einordnen? Wie kann ich weiterhin mit den Belastungen des Alltags ohne erneutes Dissoziieren und Abspalten umgehen? Ich weiß diese Dinge bereits, aber ich werde sie aus meiner neuen Selbstwahrnehmung heraus erneut aufgreifen müssen.

Wie Michaela Huber in o.g. Empfehlung schreibt:

Beispielsweise kann es sein, dass Therapeut(in) und Patient(in) daran arbeiten müssen, eine Fähigkeit, die zuvor nur ein Persönlichkeitsanteil besaß, voll zu integrieren, eine neue Schmerzgrenze des Patienten zu ermitteln, alle dissoziierten Altersstufen in ein chronologisches Alter zu integrieren oder ein neues, für das Alter des Patienten angemessenes und gesundes Ausmaß von Betätigung und Belastbarkeit zu finden. Es kann sein, dass traumatisches und belastendes Material auch von dieser neuen Perspektive aus bearbeitet werden muss.

Michaela Huber (Expertenempfehlung, PDF)

Da die Frage schon mal in den Kommentaren aufkam, wie denn die 'Heilungschancen' sind – Michaela Huber schreibt, dass je nach Studie 16,7 bis 33% der DIS-Betroffenen eine vollständige Integration erreichen können.

Eine Analyse ergab zudem, dass Betroffene, die sich schon länger in der Therapie für DIS/DDNOS befinden, weniger dissoziative, posttraumatische und allgemeine psychiatrische Symptome vorweisen. Patienten, die sich in einem späteren Behandlungsabschnitt befinden, sind außerdem besser anpassungsfähig, engagieren sich eher ehrenamtlich und weisen weniger Krankenhausaufenthalte auf.

Generell weiß ich, dass ich für unsereins & me sehr viel erreicht habe – so viel, dass andere Betroffene mich mit Unverständnis anschauen, wenn ich von meiner Veränderung über die Jahre berichte. Ich brauche zu dem Austausch mit Betroffene aus allen möglichen 'Behandlungsabschnitten' auch den Austausch mit Betroffenen, die sich ungefähr in meinem Behandlungsabschnitt befinden.

Wo sind also nun die 16,7 bis 33% der Betroffenen, die sich mit unsereins & me über ihren Werdegang austauschen möchten? Ich bin auf der Suche nach euch! ☺

7 Gedanken zu „Auf der Suche nach…“

  1. Zur Zeit frage ich mich eher – ob ich mich nicht als besser integriert (in der Gesellschaft fühle – darauf läuft es ja hinaus letztendlich) gefühlt habe, als ich mit 29 Jahren aufgehört hatte Therapie zu machen – gut im Alter von 35/36 Jahren hatte ich einen Punkt wo ich nicht mehr allein weiter kam, aber da fing es dann in der Therapie auch wieder an mit den SuizidkreisIdeen und auch war ich damals mal für eine Woche in der Psychiatrie. (Herausgeholt hatte mich damals – meine Verantwortung und Sehnsucht nach meinem Kind)
    Aber ohne therapeutische Maßnahmen ging es mir nicht besser innerlich – aber ich funktionierte wenigstens Draußen leidlich und lernte mich im Funktionsmodus immer mehr zu vervollkommnen.
    Ich denke es war ein Fehler zu erwarten, dass eine Therapie mich weniger leiden lässt als ohne Therapie. Das Leid versteckt sich (wird einfach besser ausgeblendet) wenn man sich auf das Funktionieren und die Anpassung fokusiert) hinter dem Alltag und man hat ja Bewältigungsmechanismen über Jahrzehnte gelernt, dies zu unterdrücken. Jetzt in Therapie leide ich mehr als ohne, also wo ist der Sinn überhaupt Therapie zu machen, wenn man selbst wenn man vollständig integriert ist, noch lange danach noch Therapie braucht.
    Fazit ein Leben mit Therapie ist äußerst schmerzhaft und ein Leben ohne ebenso.

    1. Auf vieles von deinem Kommentar kann ich nicht wirklich etwas erwidern – einfach weil mir keine sinnvollen Worte (mehr) dazu einfallen. Ich wünsche dir wirklich von ♥, dass du dir einen positiveren Blick erarbeiten kannst.

    2. Melinas, nur weil man danach noch Therapie benötigt, heißt es nicht, dass man wegen dieser leidet. Die Lebensqualität verbessert sich ja immer mehr auf lange Sicht hin.

      Nur am Anfang macht die Therapie vieles erstmal schwieriger, weil viel Unbewusstes bewusst wird und man Anteile kennen lernt, die gegen Therapie sind, weil die Täter das verboten hatten, zum Beispiel. Aber wenn diese die Lage verstehen, dann machen sie keine Schwierigkeiten mehr und helfen stattdessen… Dann ist Therapie vielleicht immer noch Kraft zehrend, aber doch auf längere Sicht hilfreicher, als diese nicht zu machen. Aber es dauert alles seine Zeit…

      unsereins & me, ihr wisst, wir sind noch lange nicht, wo ihr seid. Euer Dilemma damit versteh ich gut. Und in der Tat, irgendwie merkwürdig, dass man diese 16-33% nicht zu fassen bekommt. Wo sind die denn alle?

      Alles Liebe euch beiden auf euren Wegen.

  2. Ich erkenne meine Vorstellung in diesem Zitat am besten wieder: "Im ersten Schritt sollten die Charaktere im Unbewussten sich kennen lernen, um dann miteinander zu arbeiten. Im zweiten Schritt sollten sie sich Stück für Stück auflösen – im Idealfall verschmelzen sie zu einem Wesen, das heißt, der Betroffene integriert sie in seiner ganzen Person."… Im Moment im ersten Schritt, doch "Verschmelzung" um EIN neues aus mehreren zu machen, das finde ich schon attraktiv und erst mal vorstellbar als Prozess… "(einheitlichen) Selbst", ist dann mein "Ziel-Begriff"… wie nah ich mich diesem Ziel nähere?!?… wir lesen uns in zehn Jahren wieder, ok?!? :-) Bei den Begriffen "Integration und Fusion" da habe ich immer so Streitigkeiten über die Begriffe im Kopf… und andere "Backgrounds": Schulische Integration… Inklusion… Mir gefiel grad spontan der Begriff Verschmelzung…

    1. Danke dir für diese Rückmeldung. Ja, dieses Wort 'Verschmelzung' hat was. unsereins & me kommt durch diesen Gedanken von dir wieder zu der Vase… anstatt dass man eine Vase aus Ton annimmt, stelle ich mir gerade eine Vase aus einem gegossenen Metall vor… Zinn, Silber, Gold oder Platin z.B… das kann ja auch zerbersten, wenn extreme Gewalt darauf einwirkt. Klar kann man diese Teile dann mit einer Lötmasse oder einem höherwertigerem Material zusammenfügen… wird aber sicher nicht so stabil (und evtl schön) sein, wie alle Teile einzuschmelzen und eine neue Vase zu gießen…

  3. Danke Vergissmeinnicht, schön von Dir auch hier etwas zu hören. Ich hoffe es geht Euch einigermaßen gut….
    Meine Täter haben mir bestimmt nicht verboten Therapie zu machen…. 1.sind die längst tot und 2. wussten die gar nicht dass es sowas wie Therapie gibt…. Aber Du hast recht man begegnet wirklich unbekannten Wesen, die was gegen Therapie haben und auch, dass sie – da sie ja wirklich böse reagieren, ich mich wohl von der bisherigen Vorstellung verabschieden muss, dass ich ein guter Mensch bin, denn der Teil gehört ja nach der Sichtweise der Therapie mit Dis – ja zu mir .
    Danke für den guten Wunsch!

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