Annahme…

…was für ein Wort. Kann ich alle in der Vergangenheit erlebten Übergriffe, alle traumatischen Erlebnisse und alle begangenen Handlungen als mir zugehörig annehmen? Ist das Möglich? Wenn ja: Was hindert mich? Was würde es bedeuten, wenn ich all dieses wirklich als meins annehmen würde? Wenn es nicht möglich ist: Warum nicht? Das dies immer noch so ein schwieriges Thema ist, 'fuchst' mich richtig.

Es ist ein Thema, dass seit dem ersten Moment wo in den Therapien von 'Integration' gesprochen wurde tagtäglich auf dem Plan steht. Ich versuche da immer noch weiter zu kommen. Ja, meine Auffassung davon hat sich im Lauf der Jahre der Therapie sehr geändert. Ganz am Anfang war ich der Meinung: "Wenn ich das was da im Gehirn abgeht verstanden habe, ist alles erreicht." Später kam ich zu der Überzeugung, dass Integration bedeutet Regeln aufzustellen die für alle im Innen anwendbar sind. Danach verstand ich Integration so, dass alles erreicht ist, wenn im Innen miteinander kommuniziert wird. Eine Weile später gelangte ich zu der Ansicht, dass eine gelungene Integration bedeutet die Innens für mich anzunehmen, die ich annehmen kann ohne dass es für mich zu einer Gefahr wird.

Ich schrieb in den letzten Jahren mehrfach sowohl passwortgeschützte als auch öffentliche Beiträge zu diesem Thema und auch in Vorträgen und der Arbeit für Der Bunte Ring war das Thema immer wieder ein heißes Eisen bei dem Fachleute, Betroffene (aus verschiedenen 'Therapie-Phasen') und eine Horde anderer Menschen sich ziemlich konträr die Meinungen um die Ohren hauen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie mühselig man sich die Fortschritte erkämpfen muss ('erarbeiten' scheint mir im Moment ein zu mildes Wort zu sein). Und es soll in diesem Beitrag nicht darum gehen, dass andere Betroffene einen bestimmten oder anderen Weg gehen sollen – denn jeder ist anders! Es ist rein eine Reflektion der eigenen Wahrnehmung und des (nicht) Erreichten hier.

Ich schrieb noch Anfang 2018, dass ich nicht davon ausgehe, dass Heilung bedeutet, DID/DIS oder DDNOS/DSNNS ist weg. Es ist eher sowas wie 'geregelt', 'organisiert', kann ganz lange stabil bleiben oder aber auch 'kippen', wenn erneut Schutz notwendig ist. Das sehe ich immer noch so – fast ein Jahr Therapie später.

Im September 2018 schrieb ich davon, neue Ressourcen gewonnen zu haben, die vorher nur von Einzelnen im Innen genutzt werden konnten. Auch schrieb ich von einer Bereicherung an Wissen, Erinnerungen und Emotionen, sowie davon ärmer an Stimmen zu sein. Ich schrieb, dass all das zu viel ist um es direkt zu verarbeiten und ein "Es ist gut so" noch nicht vollständig angenommen werden kann.

Im Oktober schrieb ich daher einen vierteiligen Beitrag um die einzelnen Innens die mich ausmachen etwas genauer vorzustellen. Gerade mal zwei Monate später – aber nach Stunden über Stunden der psychotherapeutischen Arbeit – war es nötig, diese Beiträge zu editieren und zu ergänzen. Und da ich auch über die 'therapiefreie' Zeit hinweg selber therapeutisch arbeite, ist es wieder (oder weiter) an der Zeit weiter über dieses Thema zu berichten.

Die englischsprachigen Berichte unter Anderem von Rachel Downing, Faith Allen, Liz Susan S., Elizabeth Power und Truddi Chase zeigen auf, was alles möglich ist und geben teilweise sehr detaillierte Einblicke. Der deutschsprachige Vortrag von Claudia Igney von 2011 legt ebenfalls vieles dar, was verschiedene Betroffene erreicht haben und was generell möglich sein kann. Rachel Downing schrieb dass nach einer Integration oftmals eine Desintegration folgte und setzte sich daher als Fernziel, dauerhafte Integration zu erreichen. Integration ist ein Prozess und keine einmalige Aktion. Einige der in diesen Berichten dargelegten therapeutischen Fortschritte habe ich über lange Zeit für nicht machbar gehalten. Definitiv aufgrund dessen, dass ich noch nicht so weit war! Nun bin ich aber weiter als zu dieser Zeit. Ich habe selbst einige der beschriebenen Entwicklungen in ähnlicher Weise erfahren. Warum sollte ich dann bei anderen Dingen, die sie beschreiben pauschal sagen: "Nein! Das geht überhaupt nicht!"?

Also zurück zu den Fragen vom Anfang dieses Beitrags.

Kann ich alle in der Vergangenheit erlebten Übergriffe, alle traumatischen Erlebnisse und alle begangenen Handlungen als mir zugehörig annehmen? Ist das Möglich? Wenn ja: Was hindert mich? Was würde es bedeuten, wenn ich all dieses wirklich als meins annehmen würde? Wenn es nicht möglich ist: Warum nicht?

Ich bin mir sicher, dass es generell möglich ist, alles was in der Vergangenheit geschehen ist – alle Übergriffe, alle Traumata, alle daraus resultierenden Reaktionen und Handlungsweisen als die eigenen anzunehmen. Die Therapien zielen ja in diese Richtung und die Berichte verschiedener Betroffener zeigen, dass es generell möglich ist. Auch im Speziellen bei mir halte ich das mittlerweile für möglich – doch ich weiß auch, was mich noch daran hindert diesen letzten Schritt der Annahme zu gehen.

In den nun privaten Vorstellungs-Beiträgen führte ich in den Bearbeitungen aus: Ich habe das Gefühl, ich würde dem, was sie erlitten haben nicht mehr gerecht werden und würde damit das Geschehene verharmlosen, wenn ich sie 'einfach' zu einem Teil von mir machen würde.

Tatsächlich ist es so, dass es wesentlich schwerer ist zu sagen: "Mir ist dies passiert", als "Ihm/Ihr ist dass passiert". Es tut weh, diesen Schmerz bei mir selber zu spüren. Den Schmerz nicht 'dort' lassen zu können, bei 'anderen', tut mir weh. Den Schmerz dort 'abzuladen' ist für mich einfacher. Und gleichzeitig 'ungerecht' in meinen Augen! Es ist quasi ein Dilemma. Dabei habe ich schon so viel Positives erfahren durch die Annahme verschiedenster Innens.

Auch war es schwer für mich gewisse Fähigkeiten und gewissen Wissen für mich 'zu beanspruchen'. Durch das was ich erlebt hatte, war ich der Meinung, mir steht es nicht zu gewisse Fähigkeiten zu haben. Ich war besorgt, dass ich dann 'hochmütig' wäre.

Aber die Scherben Stück für Stück anzunehmen funktioniert. Ich habe das schon zig mal erlebt und sogar bei den Innens, die ich als besonders ’negativ' eingestuft habe. Ich habe daher beschlossen, zu weiterer Integration und Fusion bereit zu sein und öffne mich daher immer mehr für das, was in der Vergangenheit passiert ist. Und ja, es geschieht tatsächlich!

Ich trenne nun nicht mehr sondern ich ordne zu. Was meine ich damit? Bisher habe ich die einzelnen Innens nach Eigenschaften und Fähigkeiten von mir getrennt gehalten. Jetzt möchte ich sie mir zuordnen.

Mir ist klar, dass auch dies ein Prozess ist und nicht etwas was sofort für alles umgesetzt werden kann. Es gibt noch Innens, die ich bisher erhalte, gesichert oder ins Exil verbannt habe. Aber: Ich merke auch, wie viele Erlebnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten ich bereits mir zugeordnet und für mich angenommen habe!

Ich verstehe den inneren Kern nun als meinen inneren Kern. Ich bin bereit meine Innens – meine innere Aufteilung – Stück für Stück für mich anzunehmen. Dabei kann ich die Erlebnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten (positiv) bei mir halten oder mich entscheiden sie freizulassen in dem Sinne, dass ich mich nicht daran klammere sie in der bisherigen (negativen) Form zu erhalten. Noch bin ich nicht an dem Punkt, dass ich das bei allen Innens schaffe. Es ist wie gesagt weiterhin ein Prozess – der aber gerade wieder einen riesigen Schritt ermöglicht hat.

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